Die geheime Sprache des Lichts

16. März 2005, 21:38
1 Posting

Der walisische Künstler Cerith Wyn Evans in der Bawag Foundation

Wien - Ein Porträt von Anna Karina ist sie angeblich auch, die Neonskulptur 299,792,458 km/s des walisischen Künstlers Cerith Wyn Evans (geboren 1958), die seine Ausstellung in der Bawag Foundation betitelt. Dass die Hauptdarstellerin von Jean-Luc Godards Alphaville irgendetwas mit dem Schriftzug zu tun hat, der die Lichtgeschwindigkeit angibt, erschließt sich dem Betrachter aber nur dann, wenn der Künstler von seinen subjektiven Assoziationen berichtet. Mindestens genauso gut - und sicher auch gerne - können Uneingeweihte darin ein Porträt von Sophia Loren erblicken, die der Künstler in Bezug auf seinen blinkenden Kronleuchter erwähnt.

Ursprünglich hing dieser in der VIP-Lounge des Mailander Flughafens, wo sich der Star ebenfalls aufgehalten haben dürfte. Nun sendet der majestätische Leuchter, der von dem italienischen Stardesigner Achille Castiglioni entworfen wurde, Morsezeichen aus, die die Tagebücher von John Cage übersetzen.

Ähnlich verschlüsselte Referenzen auf die moderne Musik- und Designgeschichte, aber auch Reflexionen über das Kino, in dem Licht und Bewegung die Wahrnehmung organisieren, durchziehen die gesamte Ausstellung, in deren Mittelpunkt die Dia-Installation The Curves of the Needle steht. Wyn Evans, der zunächst als experimenteller Filmemacher bekannt wurde und lange für Derek Jarman gearbeitet hat, zitiert hier einen Essay von Theodor W. Adorno, in dem dieser das Verhältnis zwischen Musik und Sprache theoretisiert: "Schallplatten sind virtuelle Fotografien ihrer Besitzer, geschönte Ideologien."

Auf dieser Annahme basierte schon die Installation, die Wyn Evans 2003 im Rahmen der legendären Ausstellung The Air is Blue von Hans Ulrich Obrist realisierte. In der berühmten Casa Barragán in Tacubaya (Mexiko) konzipierten damals Künstler ortsspezifische Arbeiten. Um sich der Ideenwelt des mexikanischen Architekten anzunähern, konzentrierte sich Wyn Evans auf seine umfassende Schallplattensammlung. Ausgewählte Tracks, aber auch Ambient Sounds im Haus begleiten nun auch die Diashow, die Aufnahmen im Haus, Atelier und Garten des Architekten mit Motiven aus Japan und dem Wiener Volksgarten zu einer Meditation verschränken.

Offener Kunstbegriff

Im Untergeschoß sieht man einige Fotografien seines Vaters Sulwyn Evans, die als eine Hommage an den Amateurfotografen gedacht sind. Sie erzählen von dem offenen Kunstbegriff von Wyn Evans, visualisieren aber auch seine ästhetische Sozialisation. Eine Neon-Möbiusschleife symbolisiert dort auch die intellektuellen Netzwerke, die der Künstler verarbeitet. Auf den ersten Blick erscheinen seine komplexen Arrangements ziemlich hermetisch, bei näherem Hinsehen eröffnen seine losen Verweiszusammenhänge dann aber auch ganz neue Denk- und Resonanzräume.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.3.2005)

Von
Christa Benzer

Links

bawag-foundation.at

whitecube.com

Bis 7. Mai

  • Cerith Wyn Evans
299792458m/s (2004)
    foto: bawag foundation /courtesy jay jopling/white cube (london)

    Cerith Wyn Evans
    299792458m/s
    (2004)

Share if you care.