"Viele hochqualifizierte Frauen scheuen die erste Reihe"

9. März 2005, 18:44
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Dagmar B. Gordon, Vorsitzende der Grünen Wirtschaft, zu Unternehmerinnen, verfehlter Medienpolitik und das Arbeiten mit Frauen

Wien - Anlässlich der Wirtschaftskammerwahlen 2005 von 12. bis 15. März hat dieStandard.at Dagmar B. Gordon, Vorsitzende der Grünen Wirtschaft, per E-Mail zu Engagement und Positionen befragt. Die Grüne Wirtschaft tritt zum ersten Mal bei den Wirtschaftskammerwahlen bundesweit an. Sie ist auch die einzige Fraktion, die eine Frau als Vorsitzende hat.

Gordon hat Germanistik/Publizistik studiert und ein Hochschulkolleg für Wirtschaftspublizistik abgeschlossen. Schon während ihrer Ausbildung hat sie in diversen Medien (AZ, Standard, Presse, Trend/Profil extra) als Volontärin und freie Mitarbeiterin gearbeitet und anschließend als Redakteurin beim Manstein Verlag begonnen. Nach einigen Jahren in der Medienszene hat sie sich 1992 als PR-Beraterin selbständig gemacht.

dieStandard.at: Wieso haben Sie sich dazu entschlossen, bei der Grünen Wirtschaft aktiv zu werden?

Gordon: Weil ich nach der Bildung der Schwarz-Blauen Regierung Schüssel I etwas gegen die Wende in Österreich tun wollte, habe ich mich entschlossen aktiv bei der Grünen Wirtschaft mitzuarbeiten. Da ich angenommen habe, dass die damals gerade neu gegründete Grüne Wirtschaft am ehesten schlagkräftige Unterstützung brauchen kann, habe ich mich den Grünen UnternehmerInnen angeschlossen. Außerdem ist es bei den Grünen und bei der Grünen Wirtschaft für Frauen leichter als in jeder anderen Partei, sich aktiv einzubringen. Frauen werden bei den Grünen aktiv gefördert, wenn sie sich engagieren wollen.

dieStandard.at: Sie sind Inhaberin einer PR-Agentur. Wie stehen Sie zur Gewerkschaft und zu sozialen Rechten für Angestellte?

Gordon: Ich sehe die Gewerkschaft als PartnerIn auch für uns UnternehmerInnen. Denn es ist wichtig, eine/n kompete/n AnsprechpartnerIn zu haben, wenn es um die Rechte der Angestellten geht. Ausbeutung und prekäre Arbeitsverhältnisse sind eine kurzsichtige und wenig nachhaltige Möglichkeit für UnternehmerInnen, es "sich leichter" zu machen. Wenn ich meinen KundInnen eine gleichbleibende, hochwertige Leistung anbieten will, muss ich auch sicherstellen, dass das Team, das diese Arbeit leistet, hochmotiviert ist und kontinuierlich als AnsprechpartnerIn für meine KundInnnen da ist. Das wissen meine KundInnen auch zu schätzen.

dieStandard.at: Die Politik unterstützt bekanntlich die großen Firmen und globale Unternehmen. Die Lage für Klein- und MittelunternehmerInnen ist dementsprechend schwierig. Haben sie je den Schritt in die Selbständigkeit bereut?

Gordon: Das ist eine Frage, die ich zu unterschiedlichen Zeiten durchaus unterschiedlich beantworten würde. Aber generell kann ich sagen: Für mich hat dieser Schritt gepasst, aber ich würde es in Zeiten wie diesen jungen Menschen nicht wirklich raten. Vor allem dann nicht, wenn sie nicht schon über eine längere Erfahrung verfügen und gut in diverse Netzwerke integriert sind. Von Seiten der angeblich so wirtschaftsfreundlichen Regierung gibt es kaum Initiativen, die es jungen UnternehmensgründerInnen leichter machen, ihren Start in die Selbständigkeit gut zu überstehen und ihren Betrieb auf gesunde Beine zu stellen. Die letzte Steuerreform hat Klein- und Kleinstunternehmen absolut nichts gebracht. Hier hat die Grüne Wirtschaft ein "Entlastungspaket" für Klein- und Mittelunternehmen geschnürt. Wenn diese Forderungen umgesetzt werden, kann man den Schritt in die Selbständigkeit wieder empfehlen, weil das Risiko überschaubar ist.

dieStandard.at: Wie hat sich ihrer Meinung nach die Medienlandschaft in den letzten Jahren verändert. Stichwort schwarz/blau?

Gordon: Der Druck ist stärker geworden und es ist kälter geworden in unserem Land. All die vielen Initiativen, die sich in den Bereichen Frauen, MigrantInnen, Kunst und Kultur so viele Verdienste erarbeitet haben, wurden systematisch ausgehungert. In den Medien merkt man die verfehlte Medienpolitik von Jahrzehnten. Das kann man gar nicht nur dieser Regierung in die Schuhe schieben. Es wurde sowohl verabsäumt, in die fundierte Ausbildung des Nachwuchses im Journalismus zu investieren, als auch keine Versuche unternommen, Medienkonzentrationen via Kartellrecht zu verhindern. Dazu kommt, dass Medienkunde in unseren Schulen keinen Raum hat und Menschen heranwachsen, die es nicht gelernt haben, mit den angebotenen Medien mündig umzugehen. Oder ist es anders zu erklären, dass sich so viele ÖstereicherInnen mit Kleinformaten und bunten Bildern in Magazinen abspeisen lassen?

dieStandard.at: Bei den österreichischen Medien gibt es kaum Herausgeberinnen oder Chefredakteurinnen. Ist die gläserne Decke zu durchbrechen oder müssen wir ewig warten?

Gordon: Da müssen wir Frauen uns wohl auch ein wenig an der eigenen Nase nehmen. Denn viele hochqualifizierte Frauen drängen nicht von sich aus an die Spitze und scheuen die erste Reihe. Obwohl sie wissen, daß sie gut sind, trauen sie sich oftmals nicht zu, in so exponierten Positionen ihre Frau zu stellen. Macht ist weder unsexy noch unweiblich und ich denke, wir müssen lernen, damit verantwortungsbewusst und lustvoll umzugehen. Es ist aber auch wahr, dass Frauen in vielen Netzwerken, in denen Entscheidungen von Tragweite vorbereitet werden, nicht vertreten sind. Und solange dort die eigentlichen Entscheidungen fallen, werden wir uns noch eine längere Zeit mit der zweiten Reihe zufrieden geben müssen.

dieStandard.at: In Ihrer Ideenmanufactur sind keine Männer angestellt. Arbeiten Sie bevorzugt mit Frauen?

Gordon: Eigentlich war es ein Zufall und kein Programm, dass bei mir nur Frauen arbeiten. Frauen sind in der Regel viel loyaler und teamfähiger als Männer. Statistiken belegen es: Viel mehr Männer als Frauen wechseln schnell einmal den Job. Frauen tun das, wenn das Umfeld für sie passt. Dazu kommt, dass ich die Stimmung in einem reinen Frauenunternehmen als sehr entspannt und angenehm empfinde. Wenn wir allerdings einen Mann finden, der sich zutraut mit so vielen Frauen zusammen zu arbeiten ohne der Versuchung zu erliegen, "den Chef" spielen zu wollen, steht auch einem Mann im Team nichts im Weg.

Zur Person
Dagmar B. Gordon ist Vorsitzende der Grünen Wirtschaft. Politisiert in der Anti-Atombewegung um Zwentendorf. Aktiv in Hainburg und im Republikanischen Club Neues Österreich.

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Ideenmanufactur
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    foto: robert newald
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