Komik und Existenzkampf

  • Franziska Gaal beweist als "Peter" Mut zum Rollenspiel - zu sehen am 10. März im Metro-Kino.
    foto: filmarchiv

    Franziska Gaal beweist als "Peter" Mut zum Rollenspiel - zu sehen am 10. März im Metro-Kino.

Das Filmarchiv Austria erinnert derzeit an Henry Koster und andere Filmemigranten

Wien - Am Anfang steht das Ende einer gesicherten Existenz: Möbel fliegen aus dem Fenster, und die junge Eva (Franziska Gaal) wird mit ihrem Großvater vom Vermieter auf die Straße gesetzt. Der Film wendet die bitteren Erfahrungen der Depression ins Burleske. Anpassungsfähigkeit lautet die Devise: Ein flüchtiger Dieb raubt Evas Kleider und überlässt ihr statt dessen seine Männersachen. Der dazugehörige Habitus wird aus der Beobachtung anderer blitzschnell imitiert - und Franziska Gaal gibt mit blonder Kurzhaarperücke fortan den unerschrockenen Lausejungen, dem ungeahnte Möglichkeiten offen stehen.

Peter aus dem Jahr 1934 ist eine rasante Verwechslungskomödie, in der jedoch nicht nur die Heldin als Spieler mit Identitäten agiert. Auch jener Arzt, der dem vermeintlichen Jungen eine Arbeit in einer Autowerkstatt verschafft, hält nur noch die Fassade seiner bürgerlichen Existenz aufrecht. In Wahrheit sind in seiner Praxis längst die Schuldeneintreiber die einzigen Gäste. Was wiederum zu weiteren gut gemeinten Scharaden seines Schützlings führt, der das Geschäft mit allerhand Tricks hinterrücks ankurbeln will.

Peter, den das Filmarchiv im Rahmen seiner Reihe Faszination Filmarchivierung am Donnerstag gesondert ausstellt, verbindet außerdem die beiden März-Retrospektiven: Zum einen gehört er zu jenem schmalen Korpus von Filmen, die zwischen 1934 und '38 in Wien, Prag und Budapest entstanden, nachdem so genannte "Nichtarier" nicht mehr in der deutschen Filmindustrie beschäftigt wurden und in den genannten Städten vorübergehend alternative Arbeitsmöglichkeiten fanden.

Unter dem Titel Unerwünschtes Kino wird im Metro-Kino noch bis zum 30. März eine neuerliche Wiederbegegnung mit dem "deutschsprachigen Emigrantenfilm" ermöglicht - darunter viele klassische Unterhaltungsfilme mit Regisseuren wie Max Neufeld, Fritz Schulz oder Walter Reisch hinter der Kamera und Stars wie Rosy Barsony, Franziska Gaal, Hans Jaray oder Otto Wallburg davor.

Exil in Hollywood

Dem Regisseur von Peter, Hermann Kosterlitz, gilt die zweite Schau dieses Monats: Nach seiner Vertreibung aus Deutschland arbeitete er weiter im Team mit dem Produzenten Joe Pasternak für die Universal und drehte mehrere Filme in Wien und Budapest. Als die Universal ihre deutschsprachigen Aktivitäten mangels Absatzmöglichkeiten einstellte, gelangte er 1936 gemeinsam mit Pasternak in die USA und begann dort nach anfänglichen Schwierigkeiten unter dem Namen Henry Koster wieder Filme zu drehen.

Gleich seine erste Regiearbeit, Three Smart Girls, war ein Kassenerfolg und machte seine Hauptdarstellerin Deanna Durbin zum Star. Ihre zweite Zusammenarbeit, One Hundred Men and A Girl (1937), wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

In Wien ist ab 17. März eine Auswahl aus Kosterlitz'/Kosters Werken zu sehen - beginnend mit dessen Drehbucharbeiten aus den frühen 30er-Jahren bis hin zu jenen prestigeträchtigen und starbesetzten Großproduktionen, die man dem Regisseur in Hollywood schließlich überantwortete: Klassiker wie The Robe (1952), My Cousin Rachel (1952) oder Desirée (1954).

Kosters eigentliche Domäne blieben jedoch seine gewitzten Komödien (etwa Harvey mit James Stewart), die soziale Gegebenheiten nicht ausblenden, sondern stattdessen deren komische Hinterfragung praktizierten. Peter ist dafür ein früher Beleg. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.03.2005)

Von
Isabella Reicher

Filmarchiv
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