Mysteriöser Tod eines Schubhäftlings im Polizeigefängnis Hernalser Gürtel

13. Juli 2006, 13:14
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Algerier vor zwei Wochen tot aufgefunden, Bundespolizei verschwieg Vorfall

Am 22. Februar wurde der algerische Schubhäftling Ben Habra S. tot in seiner Einzelzelle im Polizeigefängnis Hernalser Gürtel aufgefunden. Die Medien erfuhren davon nichts – und auch von der Bundespolizeidirektion war am Dienstag nicht mehr zu erfahren, als dass es sich um Selbstmord handle. Die Umstände sind jedoch schwer nachvollziehbar. Gerüchte, S. sei tags zuvor verprügelt worden, wehrt die Bundespolizei nach mehreren Anfragen ab: Der Häftling habe sich mit einem Leintuch erhängt, heißt es in der Pressestelle.

Fünf Mal "freigehungert"

Warum der Todesfall zwei Wochen lang verschwiegen wurde, erfährt man nicht. Die Vorgeschichte des Häftlings lässt die Selbstmordtheorie jedoch in Frage stellen: S. war bereits fünf Mal in Schubhaft gewesen, hatte sich nach Polizeiangaben jedoch jedes Mal „freigehungert“.

Auch dieses Mal hatte er sich in den Hungerstreik begeben – nur zwei Tage vor seinem Tod. Seine Betreuerin im Gefängnis, eine Mitarbeiterin des Vereins Menschenrechte Österreich, gab an, mit S. noch am 21. Februar über seine Zukunftsperspektiven gesprochen zu haben: Wie aus einem der Polizeidirektion vorliegenden Gedächtnisprotokoll hervorgeht, habe sie S. in diesem Gespräch informiert, dass es „kaum Abschiebungen nach Algerien“ gebe, um ihn so zum Stopp des Hungerstreiks zu überreden. Doch S. wehrte ab: Es habe „auch bisher so am besten funktioniert“. Einen Tag später war der Schubhäftling tot.

Im Polizeigefängnis selbst wollte man auf derStandard.at-Anfrage zu den Vorgängen nicht Stellung nehmen. Die algerische Botschaft ist über den Vorall informiert und wartet zurzeit auf den Obduktionsbericht. (mas)

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    foto: standard/fischer
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