4.000 Jahre alte Papyri sind noch lesbar, 15 Jahre alte digitale Daten nicht

17. März 2005, 10:16
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Konferenz in Wien beschäftigt sich mit der Bewahrung des digitalen Kulturerbes

Trotz aller berechtigten Cyberspace-Euphorie mache sich derzeit die "ernüchternde Einsicht" breit, dass die enorme Informationsmenge des beginnenden digitalen Zeitalters keineswegs gesichert ist, sondern im Gegenteil unwiederbringlich verloren zu gehen droht: Mit diesen mahnenden Worten eröffnete die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, heute, Mittwoch, eine Konferenz in Wien, die sich der immer drängender werdenden Problematik der Langzeitarchivierung digitaler Daten widmet.

"Digitale Dokumente halten ewig"

"Digitale Dokumente halten ewig - oder fünf Jahre lang, je nachdem, was früher eintritt", lautet ein bekanntes Zitat von Jeff Rothenberg, das das Dilemma umschreibt. WWW-Seiten, E-Government-Dokumente, wissenschaftliche Forschungsergebnisse (wie etwa Wetterdaten), aber auch private digitale Fotografie oder der alltägliche Email-Verkehr: All diese wichtige Information ist auf Computer-Festplatten oder anderen digitalen Datenträgern gespeichert - und diese halten, im Gegensatz zu Papier, keineswegs Jahrhunderte, sondern höchstens Jahre. Konzepte zur längeren Archivierung dieser flüchtigen Daten gibt es jedoch kaum. Dass derartige Konzepte nötig sind, zeigt die weit verbreitete Erfahrung, wie schnell solche Speichermedien kaputt gehen oder durch den Fortschritt obsolet werden: Die zum Entziffern der Daten notwendigen Programme werden durch neue, nicht abwärtskompatible Versionen ersetzt, oder Lesegeräte veralten und werden durch neue verdrängt (wer kann heute noch etwa Betamax-Videokassetten abspielen?) - und schon sind Daten ohne großen Aufwand nicht mehr zu gebrauchen.

Museen neu erfinden

Und damit geht ein immer größer werdender Teil des Kulturerbes verloren. Dessen Erhalt für die Zukunft bedeute "nichts weniger als Bibliotheken, Archive und Museen neu zu erfinden", schilderte der Präsident der Österreichischen UNESCO-Kommission, Hans Marte. Die UNESCO hat mit ihrer 2003 verabschiedeten Charta zur Bewahrung des digitalen Kulturerbes auf die Problematik aufmerksam gemacht. Ziel der heutigen Konferenz war u. a. ein erster Schritt in Richtung einer nationalen Kooperationsplattform, im Zuge derer österreichische Institutionen gemeinsam Möglichkeiten der Archivierung erarbeiten können. Derzeit gebe es in Österreich "sehr wenige konkrete Projekte", so Rachinger. Es solle eine gesamtösterreichische Strategie zur Lösung dieser Problematik entworfen werden.

Die Wissenschaft werde in den nächsten fünf Jahren mehr Daten sammeln als die Menschheit in ihrer gesamten Geschichte bisher, wisse jedoch noch nicht, wie diese zu bewahren sind, schilderte Neil Beagrie vom British Library. Auch die im Museumsbereich immer wichtigere Digitalisierung von Kunstwerken steht schnell vor dem Problem, wie denn nun die digitalen Daten konserviert und "gelagert" werden sollen. Man steht vor der paradoxen Situation, dass 4.000 Jahre alte Papyri noch lesbar seien, aber 15 Jahre alte digitale Daten nicht.

Cyberspace

Über Expertenkreise hinaus gebe es kaum Problembewusstsein, es herrsche ein "sehr diffuses, fast mythisches" Bild vom Cyberspace mit gleichsam unkörperlichen Daten, auf die man einfach zugreifen könne, schilderte Dietrich Schüller, Direktor des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Doch kaum jemand mache sich bewusst, dass die digitalen Daten auch irgendwo physisch gespeichert werden müssen, und diese Information für lange Zeit archiviert werden muss, will man sie nicht verlieren. Sieben bis zehn Euro an laufenden Kosten pro Jahr verursacht die sachgerechte Archivierung von nur einem Gigabyte an Daten. Angesichts der enormen Menge (2002 wurden weltweit 5 Mrd. Gigabyte an neuer Information erzeugt), die im wissenschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen oder politischen Bereich täglich anfällt, wird die Aufgabe des Bewahrens schnell "so komplex und kostenintensiv", dass die entsprechenden Institutionen oftmals in "innere Resignation" verfallen, so Rachinger. Dem müsse man durch Kooperation entgegenwirken.(APA)

  • Artikelbild
    foto: österreichische nationalbibliothek/inst. für restaurierung
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