Kein gemeinsamer Nenner im Kürzen der Rechenkunst

4. Juli 2005, 11:26
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Immer lauter wird der Ruf, SchülerInnen von ihrem Formel-Frust zu erlösen. Uni-Professoren wehren sich heftig dagegen und sogar Schüler sprechen sich gegen diesen Vorstoß aus

Wien - Die Mathematik ist seit Jahren das schulische Frust-und Angstfach schlechthin. Mangelndem Verständnis wird nun immer öfter der Vorschlag entgegengebracht, den Mathestoff an den Schulen zu reduzieren. Algebra, analytische Geometrie, Kurvendiskussionen und dergleichen könne man dann unterrichten, wenn sich ein Schüler für ein naturwissenschaftliches Studium entschieden hat - im Informatikunterricht, neben der Schule, oder sogar erst später auf der Uni. Die Begründungen: für die meisten Studienrichtungen bräuchte man ohnehin kein Mathe.

Mathe steckt überall

Anderer Meinung ist da Barbara König (17), Schülerin des Realzweiges des Gymnasiums Stubenbastei. "Es gibt so viele Studienrichtungen, für die man Mathematik braucht, auch wenn man sich das vorher nie denken würde." Anna Lindenberger (17), ist ähnlicher Meinung. Sie hatte früher oft Schwierigkeiten mit Mathe, hat sich aber durchgebissen. Ihr Resümee: "Wenn man es einmal verstanden hat, macht Mathe Spaß - und wer weiß, vielleicht braucht man es später ja doch einmal." Unterstützt wird sie hier von Hans Feichtinger, Professor am Mathematik-Institut der Uni Wien. "Mathematik steckt in fast allen Produkten des modernen Lebens", erklärt Feichtinger, man könne sich in vielerlei Hinsicht Aufwand ersparen. "Meiner Meinung nach wird derzeit oft zu viel Energie umsonst aufgewendet." Mathematik sei Grundlage, um bessere Modelle entwickeln zu können. Dem kann Barbara nur zustimmen. "Logisches Denken ist wichtig", meint sie, "man braucht es, um Probleme lösen zu können." Weitere Stundenkürzungen würde sie daher nicht begrüßen. Auch, dass sich viele Schüler in Mathe schwer tun, kann sie nicht nachvollziehen. Ihr selbst ist es wichtig, "Dinge zu verstehen - Auswendiglernen bringt nichts". Unterstützt wird die Idee der radikalen Mathe-Kürzung von Petra Weissberg, Leiterin der Studien- und Prüfungsabteilung der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. "Für Kunststudien braucht man überhaupt keine Mathematik", sagt sie prompt und fügt hinzu: "außer für das Tonmeisterstudium, da wären Kenntnisse in Mathematik und Physik nicht schlecht." Anderer Meinung ist Elisabeth Deutsch vom Stipendienreferat der Uni für Angewandte Kunst. Für die Architektur bräuchte man gewisse Voraussetzungen, in anderen Fächern seien Mathekenntnisse "nicht notwendig". Doch hält sie nicht viel davon, Mathe an Schulen zu streichen. Gut wäre mathematisches Denkvermögen "in jedem Fall". Auch könne man mit mathematischem Wissen künstlerische Ideen besser real umsetzen.

Radikaler Vorschlag

Von Emil Simeonov, Professor der Fachhochschule Technikum Wien und Mitinitiator von math.space, kam der Vorschlag, Mathematik an den Schulen auf die Grundrechnungsarten zu reduzieren. Höhere Mathematik könne für Interessierte, wie Klavierunterricht, an Volkshochschulen gelehrt werden. "Der Vorschlag ist etwas radikal", gibt Simeonov gegenüber dem SchülerStandard zu. Doch sei es angesichts der bestehenden Tatsachen wohl am sinnvollsten. Denn "es ist naiv zu glauben, es sollte mehr Mathestunden geben, damit man den Stoff verstehen kann. Ich glaube nicht, dass es eine Chance gibt, dieses Problem in den Schulen positiv zu lösen." Außerdem seien die meisten Schüler nicht bereit, Zeit zu investieren. "Mathematik ist zeitintensiv - Schnuppern funktioniert nicht, da bleibt man an der Oberfläche." Das Erstaunliche an der gegenwärtigen Entwicklung sei laut Feichtinger, "dass jeder zugesteht, dass die Welt immer komplexer wird, aber dass die Bedeutung von Komplexitäts-Spezialisten - und das sollten meiner Meinung nach die Mathematiker in erster Linie sein - nur hinter den Bühnen erkennbar ist".

 (siha/DER STANDARD-Printausgabe, 8.3.2005)

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