Regionalauswertungen in Österreich wenig aussagekräftig

31. Mai 2005, 11:40
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Soziologe Bacher: Nur eingeschränkte Vergleiche möglich und diese ohne größere Unterschiede

In den vergangenen Wochen immer wieder kolportierte regionale Auswertungen der internationalen Bildungsvergleichsstudie PISA in Österreich sind nach Ansicht des Soziologen Johann Bacher von der Kepler Universität Linz wenig aussagekräftig. Zwischen den Bundesländern bzw. einzelnen Städten seien nur eingeschränkte Vergleiche möglich - und diese würden keine signifikanten Unterschiede zeigen, so Bacher bei einer Pressekonferenz des Wiener Stadtschulrats am Dienstag in Wien. Bei den bisher publizierten Vergleichen seien Unterschiede in der Stichprobenzusammensetzung und in der Sozialstruktur nicht berücksichtigt.

Hintergrund: Die angesprochenen - und vom PISA-Zentrum unter anderem wegen der zu geringen Stichprobengröße zurückgewiesenen - Auswertungen sahen Wien hinter den Landeshauptstädten Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck. Dieser Schluss sei aber unzulässig, meinte Bacher. So würden etwa große Unterschiede in der Sozialstruktur bestehen, die durch die Stichprobenziehung bedingt sei: So seien etwa in Wien mit 62,5 Prozent deutlich mehr Burschen (diese erbrachten bei PISA signifikant schlechtere Leseleistungen als die Mädchen, Anm.) getestet worden als an den anderen Standorten. Das könne etwa damit zu tun haben, dass in der Bundeshauptstadt für den Test eine Berufsschule für Kfz-Mechaniker ausgewählt wurde und in Linz eine solche für Einzelhandelskaufleute mit einem deutlichen Mädchenüberhang. Da die Studie für ganz Österreich konzipiert worden sei, würden sich diese Effekte im Gesamtergebnis ausgleichen, Schlüsse auf einzelne Bundesländer bzw- Städte wären aber umgekehrt nicht möglich. Ebenfalls nicht ausgeglichen worden sei der in Wien um vieles höhere Anteil an getesteten Schülern mit Migrationshintergrund (21,5 Prozent gegenüber 2,9 bis 8,3 Prozent in den Landeshauptstädten).

Bei genauerer Analyse zeige sich, dass die Standortgröße der Schule nur einen geringen Unterschied der unterschiedlichen Leistungen erkläre, der bei ca. vier Prozent liege, so Bacher. Im Vergleich dazu spielten Geschlecht, Bildung der Eltern und Migrationshintergrund mit zusammen 21 Prozent (beim Lesen) eine viel größere Rolle.

Die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (S) sah angesichts der Tatsache, dass ausgerechnet jene drei Tatsachen, die ein Kind absolut nicht beeinflussen könne - nämlich ob es als Bub oder Mädchen geboren sei, welche Sprache daheim gesprochen werde und welche Schulbildung die Eltern besitzen - , die größten Einflüsse auf die Kompetenzen haben, die Bildungspolitik gefordert. Hier sei die kompensatorische Leistung der Schule gefragt - etwa durch eine Aufhebung der frühen Trennung in AHS-Unterstufe und Hauptschule oder die Möglichkeit, "die Kinder über einen möglichst großen Teil des Tages in verschränkter Form zu beschulen". Untersucht werden müsse auch, inwieweit bildungsferne Schichten in der unterrichtsfreien Zeit angebotene Betreuungsmöglichkeiten wie etwa ein Ferienlager nutzen. (APA)

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