Heilige Eide - Insgeheim mussten wir lächeln...

13. März 2005, 18:49
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... als die Volksschülerinnen sich versicherten, wie verschwiegen, ehrlich und glaubwürdig sie doch seien...

Es war am Vormittag. In der Straßenbahnlinie 65 auf dem Weg auf den Wienerberg. Und insgeheim mussten wir – die angeblich Erwachsenen -­ lächeln, als die Volksschülerinnen sich da gegenseitig versicherten, wie verschwiegen, ehrlich und glaubwürdig sie doch seien: All diese Gesten, Beteuerungen und Schwüre, sagte die Lehrerin, zu niemand spezifischem und gleichzeitig allen im Zug, kenne sie noch aus ihrer eigenen Schulzeit.

Und so wie sie sich damals schon nicht erklären konnte, woher diese genormten Übertreibungen gekommen wären, habe sie auch jetzt keine Erklärung dafür. Quasi über Nacht hätten die Kinder – zuerst die Mädchen und ein bisserl später einige der Buben - begonnen, unablässig die Hände zum Treueschwur zu heben. Und der Plural, zeigte sie auf eine soeben die korrekte Angabe der Uhrzeit ("ehrlich, schwöre, kein Scheiß – tschuldig Frau Lehrer!") beeidende Neunjährige, sei keine Übertreibung: Beide Hände mit gestrecktem Zeige und Mittelfinger hochzuheben war noch das Mindeste – in der Regel wurden danach auch noch beide Hände mit abgespreizten Fingern hochgehalten. Mitunter auch auf die Beinstellung verwiesen: "Schau, nicht gekreuzt – wenn du willst ziehe ich die Schuhe aus und zeig dir meine Zehen!"

Hexenkreuz

Hexenkreuz, lachte die Lehrerin, habe die den Meineid rechtfertigende Gegenstellung geheißen, die es also als keinesfalls eingenommen zu habende Körperhaltung zu beweisen galt. Auch dieses Vokabel habe – urplötzlich, sagte die Lehrerin – zum Stammwortschaft der Klasse gehört. Aber ihrem Wissens nach, so die Pädagopgin, sei derlei weder zu ihrer Zeit noch heute Teil der TV-Sprache. "Vielleicht hängen manche Wörter und Verhaltensweisen ja über Jahrzehnte an der Decke von Klassenräumen und fallen dann irgendwann auf die Kinder."

Den Kindern war das Gerede rings um sie egal: Sie gelobten einander gerade immerwährende Verschwiegenheit – schließlich ging es gerade darum, einander zu erzählen, mit welchem Buben sie heute am liebsten Eislaufen würden. Nur ein Mädchen hielt sich beim Schwören zurück. "Anja, was ist – du musst auch schwören!" Anja aber zuckte mit den Schultern: "Wozu, du weißt doch eh, dass Geheimnisse bei mir am besten von allen aufgehoben sind – ich vergesse das doch alles immer sofort wieder."

Elefantengedächtnis

Am Stefan-Fadinger-Platz strahlte Anja dann: Alle hatten ihr ins Ohr geflüstert ­und die Lehrerin musste laut lachen: "Wenn hier eine ein echtes Elefantengedächtnis hat, dann ist das die Anja." Pause. "Und das werden die anderen heute noch merken – darauf schwöre ich jeden Eid. Mit beiden Händen."

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