"Niemand will den Seniorenteller"

14. März 2005, 16:18
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Altersforscher Leopold Rosenmayr im STANDARD-Interview über Etikette, Schönheitsideale und Großmütter

STANDARD: Studien belegen die Bedeutsamkeit sozialer Komponenten beim Altern. Man sollte sich also rechtzeitig nach Freunden umsehen?

Rosenmayr: Da ist etwas Wahres dran. Je mehr die Freunde, umso positiver wird der Lebensausblick, selbst bei 70-Jährigen. Es ist sicher ein guter Rat, Freundschaften nicht leichtfertig zu zerschlagen.

STANDARD: Welche Rolle spielen dabei soziale Schicht, Einkommen und Bildungsniveau?

Rosenmayr: Auf die Genuss-und Lebensfreude eine erstaunlich große. Je mehr Ressourcen, desto besser wird das Altern. Die Lebenserwartung steigt mit der Bildung. Ich rechne mit einer Zweidrittelgesellschaft für das Altern.

STANDARD: Statistiken belegen die Konsumfreudigkeit von Senioren. Warum ignoriert die Wirtschaft das so hartnäckig?

Rosenmayr: Weil sich ältere Menschen nicht etikettieren lassen wollen. Von den "Senioren" will niemand einen Seniorenteller. Warum? Weil das Alter nicht honoriert wird.

STANDARD: Wie sieht die Zukunft des Alterns in der Familie aus?

Rosenmayr: Die Großmütter sind die sozialen Pioniere dieser Gesellschaften. Sie sind mehr als man glaubt Vorbild für die Kinder. Großväter erzeugen viel mehr Konflikte.

STANDARD: Gibt es andere Modelle in der westlichen Gesellschaft?

Rosenmayr: Ich sehe in Amerika eine andere Bildungsideologie, einen Run auf Bildung bei der Population 60+. Die Amerikaner sind mobiler, in gewissen Schichten sportlicher. Es gibt eine stärkere Gemeindementalität, wie immer man dazu stehen mag.

STANDARD: Worunter leiden ältere Menschen am meisten?

Rosenmayr: Beschwerden im Bewegungsapparat spielen bereits ab 60 eine große Rolle. Erst dann kommen Herz-Kreislauf-Probleme, Blutdruck. Aber viele Fragen sind hier unbeantwortet: Gesellschaftlich und soziologisch zum Beispiel überhaupt noch nicht durchschaut ist, welche Rolle die Inkontinenz spielt. Ein Soziologe, der jemanden über seine Sozialkontakte befragt, müsste das im Hinterkopf haben.

STANDARD: In Zeiten von Schönheitsoperationen und Körperkult: Wie werden die heute Jungen alt werden?

Rosenmayr: Schwer einzuschätzen. Wahrscheinlich wird der Markt etwas erfinden, um etwas modisch zu machen. Ich hoffe auch auf die intellektuellen Kräfte gegen diese einseitige Stilisierung des Schönheitsideals. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2005)

Zur Person:
Leopold Rosenmayr (80) ist Soziologe an der Uni Wien. Bei der Tagung diskutieren Spitzen­wissenschafter mit Instituts­direktoren der Akademie.

Das Interview führte Doris Priesching.

Über "Altern ist Leben" tagt die Akademie der Wissenschaften von 10. bis 12. März mit hoch dotierten Experten.
  • Soziale Schicht, Einkommen und Bildung beeinflussen die Qualität des Alterns: Altersforscher Leopold Rosenmayr erwartet "zumindest eine Zweidrittel­gesellschaft".
    foto: standard/andy urban

    Soziale Schicht, Einkommen und Bildung beeinflussen die Qualität des Alterns: Altersforscher Leopold Rosenmayr erwartet "zumindest eine Zweidrittel­gesellschaft".

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