Bildungspolitische Lemminge?

25. Oktober 2006, 14:03
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Reizthema Gesamtschule: Karl Heinz Gruber antwortet in einem Kommentar der anderen seinen Kritikern

Wie die Reaktionen auf meinen Kommentar im STANDARD ("Ist die Schule eine Scheibe?, 28. 2.) zeigen, hört sich in Österreich bei der Gesamtschule die Gemütlichkeit auf. Wie kein anderer Begriff löst "Gesamtschule" Aggressionen, Unterstellungen und Befürchtungen aus. So gehen die Herren Goldstern (AHS-Lehrer) und Katschthaler (Exlandesschulrat) im STANDARD vom 2. März von der irrigen Vermutung bzw. Behauptung aus, in Gesamtschulklassen würden (ich fasse zusammen) "36 oder 30 Kinder, darunter solche mit sonderpädagogischem Förderbedarf bis hin zu Hochbegabten, gemeinsam unterrichtet".

Wie kommen sie darauf? Wer sich mit der Wirklichkeit ausländischer Gesamtschulen beschäftigt, und das habe ich in den vergangenen drei Jahrzehnten in wiederholten, mehrjährigen Feldforschungen in englischen und schwedischen Gesamtschulen getan, der findet eine reiche Vielfalt von Differenzierungs- und Individualisierungsformen vor: Leistungsgruppen, Kleingruppen mit unterschiedlich anspruchsvollen Lernmaterialien, "enrichment" für die besonders Leistungsfähigen, Förderung der Lernschwachen durch gezielten Einsatz von Sonderpädagoginnen, Einzel- und Partnerarbeit von Schüler/innen etc. etc.

Unglücklicherweise kann sich das der Altpräsident des Salzburger Landesschulrates Hans Katschthaler nicht vorstellen. Ich hoffe, dass er noch gesund und rüstig ist, dann könnte er nämlich das tun, was seit der ersten Pisa-Studie zahllose europäische Bildungspolitiker getan haben: dem Pisa-Siegerland Finnland einen Besuch abstatten, um mit eigenen Augen zu sehen (und seinen Parteifreunden darüber zu berichten), wie verantwortungsvoll, kreativ und kinderfreundlich in Gesamtschulen gelehrt und gelernt werden kann, ohne soziale Segregation und ohne die Vergeudung von Begabungen durch ihre frühzeitige Aussonderung in weniger anspruchsvolle Schulformen.

Und wenn Katschthaler wissen möchte, wie alarmierend sozial selektiv das österreichische Schulwesen funktioniert, sollte er die im Jahr 2003 erschienenen Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung über Familie und Ausbildung lesen.

Beiden Leserbriefschreibern und allen anderen österreichischen Gesamtschulgegnern sollten zumindest zwei Fragen zu denken geben:

Warum sind die meisten europäischen Länder zum Teil schon vor 50 Jahren zu Gesamtschulen übergegangen? Sollten die Franzosen, die Schweden, die Italiener, die Finnen, die Kanadier, die Japaner . . . alle dem gleichen fatalen Irrtum erlegen sein? Sind sie alle bildungspolitische Lemminge, die sich verantwortungslos in den Gesamtschulabgrund gestürzt haben?

Und wenn die Gesamtschule so problematisch wäre, wie in Österreich befürchtet wird: Warum ist kein einziges dieser Länder reuevoll zu den Segnungen der frühen Auslese zurückgekehrt? Warum arbeiten alle an der Verbesserung ihrer Gesamtschulen, nicht aber an ihrer Abschaffung?

Offensichtlich ärgern sich die beiden Leserbriefschreiber darüber, dass ich die Selbstzufriedenheit der österreichischen Bildungspolitik mit der unangenehmen Konfrontation mit der ausländischen Schulentwicklung störe, und sie scheinen Erziehungswissenschafter für schulfremde Schreibtischtäter zu halten. Weit gefehlt. Ich bin oft und gerne in österreichischen wie ausländischen Schulen.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich ursprünglich statt Erziehungswissenschafter Herzchirurg oder Finanzminister werden wollte. Aber erstens kann ich kein Blut sehen, zweitens war ich nicht sicher, ob meine Initialen KHG ein gutes Omen für das Amt des Finanzministers sind. Karl Heinz Gruber Erziehungswissenschafter an der Universität Wien

PS zum Beitrag von Werner Specht (STANDARD, 3. März): ". . . Gesamtschule mit der Brechstange . . . Grabenkämpfe . . . Revolution . . ." - Lieber Himmel, was mir als freundlichem, harmlosem Menschen alles untergejubelt wird!

(DER STANDARD/Printausgabe 7.3.2005)

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