"Modelle bauen - wie ein Architekt"

6. März 2005, 21:04
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Die Software-Professorin und erste "Forscherin des Monats", Gerti Kappel, über Masochismus und Egoismus in der Forschung

    Warum Frauen zwar gleichen Zugang auch zu technischen Studien haben, aber dann doch im Nachteil sind: Mit der Software-Professorin und ersten "Forscherin des Monats", Gerti Kappel, sprach Michael Freund über Masochismus und Egoismus in der Forschung.

STANDARD: Wie definieren Sie Ihr Arbeitsgebiet?

Kappel: Software Engineering im Bereich der Anwendungsentwicklung bedeutet: Methoden entwickeln, damit Software jeder Art - vom elektronischen Akt über WAP bis Hochofensteuerung - bei Web-Anwendungen zuverlässiger, schneller, anwendbarer wird. Das Web ist eine Entwicklungs- und eine Delivery-Plattform. Jeder, der Internet-zugang hat, soll Software benutzen können, dafür muss sie allgemein, für unterschiedlichste Kulturen verständlich sein - Tiscover zum Beispiel wird an der Uni Linz in diese Richtung weiterentwickelt.

Sie muss auf den verschiedensten Geräten funktionieren und soll optimal an den Kontext angepasst werden. Software bauen heißt heute zu 80 Prozent: gestalten, mit den Benutzern reden, Modelle entwickeln - wie ein Architekt.

STANDARD: Mit welchen Unternehmen arbeiten Sie zusammen?

Kappel: Wir haben zum Beispiel mit Siemens WAP-Anwendungen entwickelt mit dem Ziel, die ganze Planung im Logistikbereich, den ganzen Workflow vom 21-Zoll-Schirm bis zum Handy des Fahrers umzusetzen. Für Tiscover haben wir bessere Schnittstellen für den Endverbraucher gemacht, mit persönlichen Profilen usw.

STANDARD: Wie sehen Sie die Situation der Frauen in der Wissenschaft?

Kappel: Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Wissenschaft machen ist mehr als ein Beruf, es ist eine Berufung, das ist kein 8-bis-17-Uhr-Job. Wir lernen permanent und geben unser Wissen weiter, ganz im Sinn von Humboldt. Für mich ist das eine Mischung aus Masochismus und Egoismus.

So, und wer will das tun? Aus gesellschaftspolitischen Überlegungen wird der totale Einsatz Männern eher zugetraut, und sie bekommen dafür auch mehr Unterstützung. Bei mir zum Beispiel waren unsere Bekannten immer skeptisch, ob sich mein Engagement mit einer Familie verträgt - etwas, das bei Männern nicht argumentiert wird.

STANDARD: Ich finde, das hört man heute schon auch in diese Richtung.

Kappel: Ich denke, es wird den Männern immer noch viel leichter gemacht. Nun ist es heute so, dass Frauen genauso wie Männer in den Wissenschaftsbetrieb aufgenommen werden. Doch dann kommt der so genannte biologische Knick. Es kommt nach wie vor dazu, dass Frauen, die Kinder bekommen, fallen gelassen werden: Suchen Sie sich was anderes und und und.

Das Frau-und-Kind-"Problem" ist auch in der aktuellen Schuldiskussion kaum anzuhören. Einerseits will man qualifizierte Arbeitskräfte, andererseits bietet man keine Nachmittagsunterstützung.

Außerdem ist es in der Forschung vielleicht auch recht und billig, 50 Prozent der Konkurrenz schon mal draußen zu lassen.

STANDARD: Es geht aber doch auch darum, überhaupt Studentinnen vor allem in Technik und Naturwissenschaften zu bekommen.

Kappel: Das Problem hier ist eine Mischung aus Sozialisierung und Nichtsensibiliserung. Wenn man dann einmal etwas tut, etwa Schnuppertage für Schülerinnen, dann sieht's gleich anders aus. Die Mechatroniker in Linz etwa waren zunächst sehr skeptisch, und nachher fanden sie es toll, "was die für normale und gute Fragen gestellt haben. Solche können S' uns mehr bringen, Frau Kappel." Wir müssen in einer überwiegend konservativen Umgebung zum Beispiel Schuldirektorinnen überzeugen, dass sie ihre Mädchen auf solche FIT-Tage (Frauen in die Technik) schicken.

STANDARD: Hören Sie immer noch das Argument, dass Frauen einfach technisch weniger begabt sind?

Kappel: Interessanterweise nein.

STANDARD: Traut sich's nur niemand mehr sagen?

Kappel: Das ist jetzt der Punkt. Natürlich sagt man mir, wir nehmen eh alle, die geeignet sind, das habe doch keine gesellschaftspolitischen Hintergründe. Ich fange dann keine feministische Grundsatzdiskussionen an, das würde nichts bringen. Da bin ich lieber froh, dass ich eine Aktion wie den Töchter-Tag (an der TU Wien; analog zu US-Aktionen: "Take your daughters to work") durchgebracht habe.

Die TU Graz hat 1994 mit dem FIT-Programm begonnen, fünf Jahre später wurde es österreichweit, ich habe den FIT-Prototyp für Linz gemacht. Warum? Weil ich glaube, dass Vorbilder wichtig sind. Die Mädchen sollen wissen: Es gibt Forscherinnen, es gibt solche Leut'.

Bei unserem "Admina"-Unterstützungsprogramm für weibliche Erstsemestrige ist für mich das Schönste, dass jetzt die Burschen kommen und sagen: Das möchten wir auch wissen! (DER STANDARD, Print, 7.3.2005)

Zur Person

Gerti Kappel ist Professorin am Institut für Softwaretechnik und interaktive Systeme an der TU Wien. Geboren 1960 in Wien, aufgewachsen im Burgenland, Studium der Computerwissenschaft und Wirtschaftsinformatik in Wien. 1987 bis 1989 war Kappel Forscherin am Genfer Centre Universitaire d'Informatique, bis 2001 Professorin für Computerwissenschaft und Chefin der Abteilung für Informationssyteme der Universität Linz. Zu ihren Arbeitsgebieten zählen objektorientierte Modellierung, Database/Web-
Integration und Anwendungen im Workflow-
Management.
  • Gerti Kappel will keine feministische Grundsatzdiskussion anfangen, nur Mängel aufzeigen.
    foto: standard/newald
    Gerti Kappel will keine feministische Grundsatzdiskussion anfangen, nur Mängel aufzeigen.
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