Ortskaiser, Mythen und "zarte Blondinen"

13. März 2005, 14:58
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Sympathieträger mit Arbeitsplätzen im steirischen Wahlkampf - Mit Infografik

Der Bürgermeister der obersteirischen Stadt Fohnsdorf, Johann Straner, ist das, was man gemeinhin einen Ortskaiser nennt. Bei der Gemeinderatswahl 2000 gewann der Sozialdemokrat 70 Prozent der Stimmen in der ehemaligen Bergbaustadt mit ihren rund 8500 Einwohnern. Seine Beliebtheit wuchs weiter, als Straner durch unglaubliches Glück im November 2003 ein Attentat überlebte.

Mythos und Segen

Als ein ehemaliger FPÖ-Gemeinderat, der mit seiner Alkoholkrankheit und finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, in Straners Büro zwei Schüsse auf den damals 38-jährigen Bürgermeister abfeuerte, wurde ein Projektil durch Straners Uhrband derart abgelenkt, dass es nicht zum Herz vordringen konnte. Die zweite Kugel verletzte die Leber. Der Attentäter tötete sich durch einen weiteren Schuss selbst.

Seit seiner Rückkehr Anfang 2004 gilt der Bürgermeister als Fleisch gewordener Mythos des Unverwundbaren. Er ließ sein altes Büro von einem Priester segnen und widmete sich in einem neuen Raum wieder seinem Amt. Bei der Gemeinderatswahl am 13. März will er seine 19 Mandate halten.

"Aufhören wollte ich eigentlich nie. Ich war immer ein Ding-Mensch fernab jeder Parteipolitik. Was passiert ist, hat gezeigt, wie groß der Zusammenhalt bei uns ist. Es gab Aufmunterungen aus allen politischen Lagern", erinnert sich Straner am Freitagmorgen im STANDARD-Gespräch.

Wenige Minuten später beginnt in seiner Gemeinde die "Obersteiermark-Konferenz": Monate nach dem Scheitern des Red-Bull-Deals in Spielberg lud Landeshauptfrau Waltraud Klasnic Vertreter aus Politik und Industrie zur Diskussion über die Zukunft der Region ein. Fohnsdorf hatte erst im Februar einen weiteren Schlag hinzunehmen: Der Leiterplattenhersteller AT&S kündigte an, seinen Standort in Fohnsdorf mit 380 Arbeitsplätzen nach Leoben zu verlegen. Doch Straner hofft, dass im 30 Kilometer entfernten Leoben die Arbeitsplätze der Fohnsdorfer erhalten bleiben.

Hoffnung hat Straner auch für die geplante "Therme Fohnsdorf" mit 60 neuen Arbeitsplätzen, für die er sich seit Jahren einsetzt. 19 Millionen habe man bereits zusammen. Nun soll das Land die zur Realisierung fehlenden 5,5 Millionen zuschießen. Mitte April falle die Entscheidung von Tourismuslandesrat Hermann Schützenhöfer (VP). Straner glaubt: "Nur das Land kann die Therme jetzt noch zu Fall bringen. Das kann sich die ÖVP vor den Landtagswahlen im Herbst nicht leisten."

Weniger hoffnungsvoll ist der Landesgeschäftsführer der steirischen FPÖ, Wolfgang Aigner. Seine Partei hat in 200 der 541 Gemeinden keine Kandidatur geschafft. Gründe für den Schwund sucht Aigner in der neuen Gemeindewahlordnung, die verlangt dass sich genügend Bürger am Gemeindeamt für die Kandidatur einer Liste unterschreiben. "Wo es schwarze und rote Ortskaiser gibt, haben wir Probleme." So habe man etwa in der SP-regierten Gemeinde St. Ilgen (Bezirk Bruck/Mur) die nötigen fünf Unterstützer nicht bekommen. Dabei habe man die Landtagsabgeordnete Verena Graf für den örtlichen Kandidaten von Tür zu Tür geschickt. "Sie hat als zarte, blonde Person ein paar Bürger überzeugt, dass es gut ist, wenn wir kandidieren", beschreibt Aigner kommunalen Wahlkampf. "Die haben unterschrieben, die Unterschrift aber wieder zurückgezogen."

Fesch und klass

Doch auch die Bundespartei sei schuld an der mangelnden Bereitschaft ehemaliger Kandidaten, wieder für die FPÖ anzutreten: "Die haben sich auf dem feschen, klassen Oppositionskurs, den wir früher gefahren sind, wohl gefühlt. Jetzt sind sie auf einmal Mitglieder einer Regierungspartei. Und die hat seit den Neuwahlen 2002 nix ausgelassen, um ihre Ortspolitiker zu belasten. Es ist eine Sensation, dass wir überhaupt noch in 320 Gemeinden kandidieren." (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 7.3.2005)

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