Singen gegen den Kater

11. März 2005, 14:10
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Der derzeit weltweit als "neuer Dylan" hoch gehandelte Conor Oberst überraschte mit einem traditionellen Countryrock-Konzert

Der derzeit weltweit als "neuer Dylan" hoch gehandelte 24-jährige US-Songwriter-Held Conor Oberst gastierte in der Wiener Arena. Er überraschte das Publikum mit einem traditionellen Countryrock-Konzert.


Wien - Angekündigte Sensationen finden leider selten statt. Das hat im Falle von Conor Oberst und seiner Band Bright Eyes aus Omaha, Nebraska, nichts damit zu tun, dass seine auf Album hoch geschätzten Songs live nicht tragen würden. Immerhin gelten die beiden parallel im Jänner veröffentlichten Alben I'm Wide Awake, It's Morning und Digital Ash In A Digital Urn völlig zu Recht als weitere beeindruckende Talentproben eines erst 24-jährigen Musikers, der bis dato auf vorsichtig geschätzt sechs bis acht Alben kommt und nebenher auch noch das famose Label Saddle Creek betreibt.

Auf dem veröffentlicht er neben den Bright Eyes auch befreundete Musiker wie The Good Life, The Faint oder Now It's Overhead. Aus dieser Musikerriege bezieht dann Oberst auch gern seine ständig wechselnden Begleiter.

In der seit Wochen ausverkauften Wiener Arena schlurft Oberst dann reichlich verspätet und ein wenig von den Begleiterscheinungen des anstrengenden Tourlebens dunkel umschattet mit siebenköpfiger Band auf die Bühne. Und er überrascht die Zuhörer mit einer weit gehenden Neudeutung seiner beiden aktuellen Tonträger.

Mit bebender Stimme

Die Aufteilung seiner neuen Alben funktioniert an und für sich so, dass er auf den Songs von I'm Wide Awake, It's Morning eher der traditionelleren Kompositionsarbeit anhängt und mit dramatisch zitternder, bebender und brechender Nasalstimme Countryrock zwar nicht neu, aber aufregend als große Schule des Leides an der Welt deutet.

Hier überzeugt Oberst vor allem immer dann, wenn er, wie im Song Lua, einer präzisen Nachtleben-Beobachtung, nur auf sich und seine Gitarre vertraut: "I've got a flask inside my pocket, we can share it on the train. If you promise to stay conscious, I will try and do the same. We might die from medication, but we sure killed all the pain. But what was normal in the evening, by the morning seems insane."

Das weit gehende Fehlen der moderneren Songsichtungen von Digital Ash beim Konzert mag bei diesem Überangebot an Country, der mit Trompete und Slidegitarre behübscht wird, durchaus verständlich sein. Oberst will offensichtlich nicht den Spagat zwischen den intimen Songwriter-Studien von I'm Wide Awake und den heftigeren, mit Elektronik von den befreundeten New-Wave-Neudeutern The Faint im Studio generierten, dancefloortauglichen Experimenten wagen.

Wer sich auf die auch beim heurigen Wien-Konzert wieder mal nachdrücklich ausgelebte Hysterie, die von ihrem eigenen Schmerz und Verlangen ergriffene Vortragskunst von Conor Oberst einlassen konnte und wollte, erlebte einen großen Abend im Zeichen des Countryrock: "We are nowhere and it's now!"

Ob das Prädikat "der neue Dylan" hält, bleibt abzuwarten. Das Talent hat Oberst. (Der Standard, Printausgabe, 7. 3. 2005)

Von
Christian Schachinger
  • Conor Oberst gab sich bei seinem Wien-Auftritt etwas muffig. Trotzdem zählen seine Songs zum Besten, das man derzeit im Songwriter-Genre haben kann.
    foto: andy urban

    Conor Oberst gab sich bei seinem Wien-Auftritt etwas muffig. Trotzdem zählen seine Songs zum Besten, das man derzeit im Songwriter-Genre haben kann.

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