Kettcar: "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen"

4. Oktober 2005, 13:00
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"Erst in die Hölle und dann zu IKEA": Ein Trip durch's wahre Leben mit Kettcar

Ein Volk steht auf und geht zu Aldi, Deutschland einig Kapital sangen die Boxhamsters 1991, und 14 Jahre später bestätigen Kettcar den unveränderten Status Quo: Ein Volk steht wieder auf, na toll - bei Aldi brennt noch Licht.

... das ist jetzt mehr eine Referenz unter Hamburger Kollegen als der Auftakt zu einem explizit politischen Album - zumindest solange man "politisch" nicht bis zum annähernden Sinnverlust aufweicht. Kettcar schrecken sowieso vor den diversen Schubladen, die man für sie aufgezogen hat, zurück und machen einfach Rock. Und so ganz nebenbei den besten, der in den letzten Jahren aus Deutschland gekommen ist: 2002 schlugen sie mit ihrem Debüt "Du und wieviel von deinen Freunden" die Konkurrenz souverän aus dem Feld. Mit dem jetzt veröffentlichten Nachfolgeralbum "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" halten sie das erreichte Niveau.

Dabei ist ihre Musik genauso wie früher bemerkenswert simpel gestrickt: Auf eine ruhige Strophe - mal mit Akustikgitarre, mal mit Molltönen von den Keyboards - folgt eine wuchtige, euphorisierende Rocksalve im Refrain. Schmerz und Kraft. Einfach, aber effektvoll.

"Mach immer was dein Herz dir sagt"

Von "Ehrlichkeit" war in der Rezeption ihres Erstlings viel die Rede, was allerdings die musikalischen Konzepte von Bands wie Blumfeld, Tocotronic oder den Sternen, zu denen Kettcar in hörbarem Kontrast stehen, ungerechterweise denunziert. Also vielleicht besser von Unmittelbarkeit reden: kein Diskurs, keine Ironie, kein jugendbewegender Mobilisierungsfaktor. Statt dessen eine nüchtern Bestand aufnehmende und trotzdem sehr, sehr gefühlvolle Haltung, mit der die Band um Sänger Marcus Wiebusch die Parameter des Mittelstands absteckt.

Wiebusch, mit einer Stimme die ebenso sanft wie rau ist, verdichtet Themen wie Älterwerden, Verantwortung übernehmen, die Beziehung am Leben und sich selbst in Zeiten der Witschaftsflaute über Wasser halten in Textzeilen, nach denen andere Songschreiber lechzen würden, und bleibt in seiner Schlichtheit fast immer treffsicher; selten nur schleicht sich mal ein binsenweiser Kalauer ein. Erst in die Hölle und dann zu IKEA: Galgenhumorige Prognose für eine Fahrt, die "Die Ausfahrt zum Haus deiner Eltern" als Etappenziel hat. Notwendigkeiten der Beziehungspflege, wie gesagt. Ebenso groß der Einstiegssong "Deiche" oder das zarte Liebeslied "Balu": du bist Audrey Hepburn und ich Balu der Bär - ein Bild, das gelesenermaßen vielleicht *hmmm geht so* ist, in Verbindung mit Wiebuschs Stimme aber perfekt.

"Nur weil man sich dran gewöhnt hat, ist es nicht normal"

Die Fähigkeit, einen Umstand in wenigen Worten T-Shirt-Aufdrucktauglich auf den Punkt zu bringen, hat Kettcar in der Zeit nach "Du und wieviel von deinen Freunden" zu einer im Akkord zitierten Band gemacht; was sie mit einiger Skepsis beantworten: Auf deinem Shirt stehen die Dinge / die du gerne wärst, nicht die du bist / was im Grunde völlig in Ordnung ist / nur wir können alle lesen / und du bist nie ein "Dreckstück" gewesen / anders als die anderen / also anders als man selbst heißt es in dem mit einem Kinderchor für Kettcar-Verhältnisse fast schon extravagant arrangierten "Stockhausen, Bill Gates und ich". Auch eine Antwort auf "Ich will Teil einer Jugendbewegung sein", gewissermaßen.

... und diese Fähigkeit hat auch dazu geführt, dass sich Kettcar-Rezensionen (inklusive dieser hier) in der Regel wie Literaturbesprechungen lesen. Aber was soll's: Die Texte sind es eben, die die Band trotz ihres rein musikalisch gesehen eher rückbezüglichen Stils - böses Schlagwort: "Deutschrock" - groß gemacht haben. Dass der bisherige und vermutlich anhaltende Erfolg sie nicht zum Abheben verleiten wird, da wird auch weiterhin ihre nüchterne Gelassenheit vor sein:

"Vergiss Romeo und Julia
Wann gibt's Abendbrot
Willst du wirklich tauschen?
Am Ende waren sie tot."

(Josefson)
Kettcar: "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" (Grand Hotel Van Cleef/Wohnzimmer 2005)

Kettcar.net

  • Artikelbild
    coverfoto: grand hotel van cleef
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