Klogeruch und Spitzenunterwäsche

29. März 2005, 14:15
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Linda Stift legt eine schauerliche Abrechnung mit einem inzestuösen Geschwisterpaar vor

Im Zentrum des Debütromanes von Linda Stift steht eine hochneurotische junge Frau: Kinga, die den Verlust ihres ersten Verlobten durch Unfalltod einfach nicht überwinden kann und deshalb ein Leben in zunehmender Abstumpfung und Leere führt. Ihrer hat sich ihr Bruder Nick angenommen, der dem stillen Leiden seiner Schwester nicht mehr länger zusehen wollte und deshalb mit ihr seit Jahren eine Wohnung teilt.

Dort beginnen sie einen Partyservice zu betreiben: In einsamer Betriebsamkeit, einem Leben in zunehmender Verarmung, obwohl aus gutem Hause, lassen sie alle potenziellen und realen LebenspartnerInnen eisern abblitzen, ritternd, trotzend, keine ist wirklich recht, keiner gut genug, immer der Falsche für den einen und die Falsche für den anderen. Auf ihrem kleinen Balkon mit ein paar vertrockneten Küchenkräutern sitzen sie und sehen dem luftigen Party-Leben der gut aussehenden und schicken Nachbarn auf der "Terrakotta-Insel" zu.

Bald werden sie in das schöne Leben der anderen integriert, allerdings nur als Partyservice. Kinga verliebt sich in den schönen Butler Pavel, den Nick aber für den Falschen hält und der schließlich auf mysteriöse Weise stirbt, tot auf der Terrasse aufgefunden wird.

In einer seltsamen Mischung aus Anteilnahme und Abscheu erzählt Stift von den Absonderlichkeiten und routinierten Eingeschliffenheiten des inzestuösen Haushalts der beiden Enfants terribles. Waschzwang, zunehmende Androgynität, vertauschte Rollen, Alkoholismus, Trägheit, Abkapselung, vorzeitiges Altern, Verfaulen bei lebendigem Leib. Alles bleibt immer beim Alten, nichts geht weiter, rundum verändert sich alles, nur die zwei Pastasauce-aus-der-Tube-Helden bleiben immer gleich.

Sie sehen dem mitunter tragisch wirkenden Leben und Sterben der anderen zu und sterben dabei selbst immer mehr ab. Diese Kinga, die Männer verschleißt und sich schon gar nicht mehr spürt, ist eine tragische Figur. Sie treibt alle in den Tod und wird selbst verrückt dabei. Ein erster angedeuteter Schluss erzählt davon, dass sie sich von Nick löst, der nun mit einer anderen Frau lebt, und sich ein Apartment mit sonniger Loggia in einem der Außenbezirke der Stadt (Wien) mietet - damit dürfte wohl Steinhof gemeint sein. Ein zweiter Schluss - aus der Perspektive Nicks - lässt jedoch vermuten, dass die beiden Geschwister nicht wirklich voneinander loskommen und weiter in ihrer inzestuösen Verstrickung leben.

In einem fast mechanisch wirkenden Wechsel lässt die Autorin einmal Nick, einmal Kinga zu Wort kommen. Das wirkt trotz aller Lähmung, von der der Text handelt, irgendwie lebendiger als die Einseitigkeit der Perspektive. Dennoch verstört der Text durch den Zynismus, von dem jeder Satz nur so trieft. Ein ganz makaberer und abgeklärter Kriminalroman ist dieses Buch, ein Degenerationsroman in Comic-Strip-Technik.

Wäre diese Geschichte real, was sie vielleicht ist, müsste man Kinga bald erschießen, denn sie richtet nur Unheil an, hält die Zeit auf, verliert Geld und Jobs. Alle anderen rundherum werden glücklich und reich. Nur sie bleibt leer und stumpf und arm zurück, und warum? Weil sie nicht sagt, was sie will, und sich nicht entscheiden kann. Wie ihr Herr Bruder. An allen gibt es da etwas herumzukritisieren und herumzumäkeln. Kinga kann eigentlich gar nichts außer kochen, und das nicht einmal besonders, aber immerhin macht es ihr Spaß. Vielleicht sollte sie deshalb Köchin werden. Aber bitte nicht nur Spaghetti mit Sugo! Und nicht nur für Freunde, sondern für einen Mann und zwei, drei hübsche Kinder. Aber diesen Gutschein dürfte sie schon verspielt haben. (DER STANDARD, Print, 5./6.3.2005)

Von Nicole Katja Streitler

Linda Stift,
Kingpeng.
Roman. € 17,40/160 Seiten.
Deuticke, Wien 2005,
ISBN: 3552060081

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