Die Formel Eins ...

21. März 2007, 18:37
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Einstein schafft mehr als elf Millionen Google-Einträge, nur Jesus schlägt ihn knapp

Wer kennt ihn nicht - Rad fahrend, Zunge zeigend, Federschmuck tragend, mit ungeordneter Mähne und melancholisch-freundlichen Augen? Besonders 2005, hundert Jahre nach Erscheinen seiner Relativitätstheorie und 50 Jahre nach seinem Tod, kann ihm keiner entkommen. Die UNO hat ein Internationales Jahr der Physik ausgerufen, und er ist dafür alles in einem: Logo, Maskottchen, Ikone, Identifikationsfigur. "Einstein ist der erste und einzige Popstar, den die Wissenschaftswelt hatte", schreibt die deutsche Journalistin Désirée Drothen, und man ist geneigt, ihr Recht zu geben.

Wer außer ihm brachte es zu drei Titelbildern und schließlich zur "Person des Jahrhunderts" im Time Magazine? Wer kommt auf mehr als elf Millionen Einträge in der Internetsuchmaschine Google? Hitler schafft gerade neun Millionen, George Bush acht, Michael Jackson 6,5 Millionen. Nur Jesus schlägt ihn knapp.

Sieht man davon ab, dass das heutige Medienuniversum natürlich weit mehr Popularität erzeugen kann, als das früher möglich war, dann ist das Phänomen Einstein doch nicht so einzigartig. Immer schon hatten einzelne Wissenschafter das Potenzial zum Popstar. Bis ins Hochmittelalter hatte der 384 v. Chr. geborene Aristoteles diese Funktion. Seine Ideen beherrschten die Natur- und Geisteswissenschaften. Wie später Einstein wurde der nach seinem Geburtsort im makedonischen Stageira benannte Stagirit zur Ikone stilisiert, die nach heftigen Widerständen schließlich sogar kirchliche Anerkennung fand. Und wie bei Einstein waren seine Lehren für die Mehrheit unverständlich.

Umso mehr interessierten Aristoteles' persönliche Aspekte, etwa dass er dünnbeinig und kleinäugig war oder - im Gegensatz zu Einstein - auf seine Frisur großen Wert legte und gerne Ringe trug. Selbst die Skandalgeschichten blieben nicht aus, und das Mittelalter ergötzte sich an kolorierten Holzschnitten, die seinem sadomasochistischen Verhältnis mit einer gewissen Phyllis gewidmet waren.

Die neue Wissenschaft, die nach dem Sinken des stagiritischen Sternes erblühte, hatte neue Idole: Kopernikus und Galilei. Ihnen allen stahl aber einer die Show, dem erstmals, so wie später Einstein, ein "annus mirabilis" zugeschrieben wurde: Isaac Newton. Im Jahr 1666 erfand er nicht nur die Differenzialrechnung, sondern begründete die Bewegungslehre und die Optik und hatte dabei noch Muße, unter einem Apfelbaum zu liegen und beim Fallen seiner Früchte das Gravitationsgesetz zu entdecken.

Das "annus mirabilis" Albert Einsteins, 1905, beeindruckte vorerst weder Fachwelt noch Öffentlichkeit. Noch 1907 wird sein Antrag auf Habilitation von der Universität Bern abgelehnt. Doch das Blatt wendet sich. 1909 erhält er das erste Ehrendoktorat, im selben Jahr wird er Professor in Zürich. Sein erster Vortrag über die Relativitätstheorie, den er am 21. September 1909 in Salzburg hält, ruft keinerlei öffentliche Begeisterung hervor. Das ändert sich erst zehn Jahre später: Am 6. November 1919 geben die britische Royal Society und die Royal Astronomical Society bekannt, dass Einsteins Vorhersagen über die Ablenkung des Lichts durch große Massen bestätigt werden konnten.

Am nächsten Morgen titelte die Londoner Times: "Revolution in science - New theory of the Universe - Newtonian ideas overthrown". Die New York Times befand zwei Tage später: "Lights All Askew In The Heavens (. . .) Einstein Theory Triumphs". Und die Berliner Illustrierte Zeitung jubelte gar: "Eine neue Größe der Weltgeschichte - Albert Einstein".

Wissenschaftsmeldungen in den Zeitungen sind nicht immer sehr wirkungsvoll, Einstein allerdings machten sie schlagartig berühmt. Er hatte Newtons Autorität gestürzt wie vorher Kopernikus die des Ptolemäus oder Galilei die des Aristoteles, und er hatte tief eingewurzelte Vorstellungen über Raum und Zeit über den Haufen geworfen. Zusätzlich zeigte es sich, dass der Schöpfer unverständlicher Theorien die Bedürfnisse der Medien, ob bewusst oder unbewusst, bestens bediente: Sein skurriles Äußeres, seine Verbindung von abstraktem Denken mit Musikalität, seine Bereitschaft zu politischen Aussagen, sein Humor, seine Affären - all das machte ihn für Journalisten zu einem begehrten Interviewpartner.

1922 erhielt Einstein den Nobelpreis, was seine Popularität noch steigerte. Doch geriet er immer mehr ins Getriebe der Politik: Bereits in den vorhergehenden Jahren hatte es Studentenproteste gegen den jüdischen Professor gegeben. Seit 1920 agitierte eine "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Naturforscher zur Erhaltung reiner Wissenschaft" gegen die Relativitätstheorie, während Einstein sich immer stärker für jüdische Belange engagierte. Das Ende ist bekannt: Einstein kehrt nach einem USA-Aufenthalt nicht mehr zurück nach Deutschland, wo inzwischen Hitler die Macht ergriffen hatte. Auch das steigert seine Popularität in den nicht deutschen Medien.

Schließlich die Atombombe: Obwohl Einsteins Formel E=mc² als ihre Grundlage angesehen werden kann, hat kein führender Physiker so vehement seiner Erschütterung über die Massenvernichtung von Menschen Ausdruck gegeben. All das macht die Ikone Einstein aus: Genie, Clown, Revolutionär, ein Hauch von Künstler, Vertriebener, politischer Mensch, Pazifist, Frauenliebhaber und Macho - geradezu perfekt für den modernen Medienbetrieb. So bleibt Einstein auch heute ein ergiebigeres Thema als jeder andere populäre Physiker. Und daran wird sich so schnell nichts ändern: Ein Neuerer der Physik, der Albert Einstein vom Thron stoßen könnte, ist nicht in Sicht. Selbst wenn einer kommt, wird er Mühe haben, mit der Vielzahl der publicityträchtigen Facetten des kleinen Berner Patentbeamten mithalten zu können. (Max Lippitsch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 3. 2005)

Max Lippitsch ist Professor für Experimentalphysik an der Universität Graz und Generalsekretär der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft.
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