Spiel mit der Wirklichkeit

21. März 2007, 18:37
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In einem einzigen Jahr entstanden Einsteins wichtigste Theorien. Hätte der heutige Wissenschaftsbetrieb einen solch genialen Denker gefördert und groß werden lassen?

Die Frage, ob sich Albert Einstein im heutigen Wissenschaftsbetrieb durchgesetzt hätte, entspricht etwa der Frage, ob Ludwig van Beethoven in unserer Zeit atonal komponiert hätte. Beethoven war ein Genie um 1800, Einstein eines um 1900. Sowohl der Mensch als auch sein Werk sind vom Zeitgeist nicht zu trennen, sie beeinflussen ihn, werden aber auch von ihm geformt. Die Frage ist nicht seriös zu beantworten, aber wir können auf einer anderen Ebene unsere Phantasie spielen lassen und mittels Analogien einige interessante Zusammenhänge entdecken.

Auf den ersten Blick ist die Frage zu verneinen. Denn Einstein hat sich auch zu seiner Zeit im Wissenschaftsbetrieb zunächst nicht durchsetzen können. Bekanntlich war er Patentbeamter zweiter Klasse in Bern, als er in seinem "annus mirabilis" (1905) mehrere Arbeiten verfasste, von denen jede Einzelne die Physik völlig erneuert hätte. Sein Chef ließ ihm genügend Freiraum, um neben seinem Broterwerb das zu tun, was er nicht lassen konnte: nämlich nachdenken über theoretische Physik. Und so entstand in einem einzigen Jahr die spezielle Relativitätstheorie, die Teilchen-Hypothese des Lichtes und der empirische Nachweis für die Richtigkeit der Boltzmann'schen Hypothese über die statistische Natur der Wärme.

Obwohl Einstein damals keine akademische Position bekleidete, wurden seine Arbeiten in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert. Und da könnte ein Unterschied zu unseren Tagen auftreten. Denn alle wichtigen, international gelesenen Wissenschaftsjournale arbeiten mit einem Referentensystem, einlangende Arbeiten werden vor der Publikation einer Fachkollegin oder einem Fachkollegen zur Begutachtung übermittelt. Diese so genannten "Referees" sind damit ziemlich mächtig, sie können eine ungeliebte Arbeit ablehnen und dadurch deren Publikation zumindest beträchtlich verzögern. Arbeiten von "Außenseitern" haben dabei sicher geringere Chancen als die von bekannten Experten.

Gegen diesen Einwand kann heute argumentiert werden, dass die eigentliche Publikation durch das Internet wesentlich an Bedeutung verliert, wissenschaftliche Arbeiten werden meist schon vor ihrer Publikation "in das Netz gestellt" und allen Fachkolleginnen und -kollegen zur Kenntnis gebracht.

Aber auch ohne diesen Fortschritt müssten wir zugestehen, dass das Wissenschaftssystem offen genug ist, um in entscheidenden Fällen solche Fehler zu korrigieren. Der erste japanische Nobelpreisträger, Hideki Yukawa, ist dafür ein gutes Beispiel. Er hatte eine revolutionäre Idee, die durchaus mit Einstein'schem Wagemut vergleichbar ist. Die damals noch unverstandenen Kernkräfte setzte er in Analogie zu bekannten Theorien und sagte die Existenz eines neuen Teilchens, des "Mesons" voraus. Da sich damals die Welt der Elementarteilchen auf Proton, Elektron und Photon beschränkte, war dies ein unerhörter Schritt, und seine Arbeit wurde von renommierten Zeitschriften der westlichen Welt abgelehnt. Er publizierte sie schließlich in den Proceedings of the Physical Mathematical Society Japan, eine Zeitschrift, in der man eher verheimlicht als veröffentlicht (um ein Wort Ludwig Boltzmanns abzuwandeln). Als jedoch das Meson experimentell nachgewiesen wurde, erinnerte man sich der Arbeiten Yukawas, und er erhielt dafür den Nobelpreis.

Also können wir schließen, dass sich auch Einsteins Ideen durchgesetzt hätten, wären seine Arbeiten in weniger bekannten Zeitschriften erschienen. Es war vor allem die Begeisterung von Max Planck für manche Ideen Einsteins, die ihm damals die Aufnahme in die Familie der Gelehrten ermöglichte. Allerdings hatte selbst Planck Einwände gegen die Radikalität mancher Einstein'scher Gedanken. Noch 1917, als er Einstein zur Aufnahme in die preußische Akademie der Wissenschaften empfahl, meinte er, man müsse Einstein wegen seiner großartigen Verdienste, vor allem in der Relativitätstheorie, seine Lichtquantenhypothese eben verzeihen. Gerade dafür sollte er jedoch den Nobelpreis des Jahres 1921 erhalten. (Die Begründung des Nobelpreis-Komitees lautete: "für seine Verdienste um die theoretische Physik, besonders für die Entdeckung des für den photoelektrischen Effekt geltenden Gesetzes").

Einstein selbst hatte die Lichtquantenhypothese einen "heuristischen Gesichtspunkt" genannt, und als sich daraus in den folgenden Jahrzehnten die Quantenmechanik entwickelte, wollte Einstein nicht mehr folgen. "Gott würfelt nicht", ist sein bekannter Einwand gegen die Entwicklung, die heute gesichert ist, gerade aber auch durch Einsteins Einwände befruchtet worden war. Niels Bohr, der "Vater der Quantenmechanik", schrieb darum auch: "Einsteins Bedenken und Kritik spornten uns alle in höchst wertvoller Weise dazu an, die verschiedenen Aspekte der Situation bei der Beschreibung atomarer Phänomene einer erneuten Prüfung zu unterziehen."

In diesem Sinne hat sich Einstein - zum Wohle der Physik - nicht durchgesetzt. Noch im Jahre 1950 schrieb er resigniert an Erwin Schrödinger, der ebenfalls die durch ihn angestoßene Entwicklung der Quantenmechanik nicht akzeptierte: "Du bist (neben Laue) unter den zeitgenössischen Physikern der einzige, der sieht, dass man um die Setzung der Wirklichkeit nicht herumkommen kann - wenn man nur ehrlich ist. Die meisten sehen gar nicht, was sie für ein gewagtes Spiel mit der Wirklichkeit treiben."

Die Selbstreinigungskraft der Physik ist auch heute noch zu spüren. Selbst wenn berühmte Nobelpreisträger Ideen verkünden, werden sie nur aufgegriffen, wenn sie sich als fruchtbar erweisen. Einsteins Festhalten an einer "Realität", unabhängig von der Beobachtung, war wohl eine unfruchtbare Idee.

Am schwierigsten ist die Frage zu beantworten, ob Einstein in der heutigen Wissenschaftslandschaft eine adäquate Position erhalten hätte. Bei den nunmehr üblichen Mehrheitsbeschlüssen in Kommissionen wäre es durchaus denkbar, dass in Einzelfällen eine überragende Persönlichkeit unerwünscht bliebe; ich bin jedoch sicher, dass sich irgendwo ein genügend offenes Gremium finden würde, das einen Albert Einstein mit offenen Armen empfinge.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Physik immer genügend innere Mechanismen hat, um ein Genie wie Albert Einstein nicht zu übersehen. Freilich sind dabei Umwege nicht auszuschließen, wie sie ja Einstein in seiner Zeit als Patentbeamter selbst zu spüren bekam. (Herbert PietschmannDER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 3. 2005)

Herbert Pietschmann ist Emeritus am Institut für theoretische Physik der Universität Wien.
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