Geistesblitz: Vernetzt untersuchen

4. März 2005, 19:52
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Medizinerin Gabriele Wurm stieß in eine Domäne vor, die noch fest in Männerhand ist

Dafür, dass sie dort "irgendwie hängen geblieben" ist, wie sie es ausdrückt, hat es Neurochirurgin Gabriele Wurm weit gebracht. Interesse hatte die damalige Turnusärztin an der Fachrichtung aber schon auch, wie sie sagt. Heute, mit 42 Jahren, ist Gabriele Wurm die erste Frau Österreichs, die auf dem Gebiet der Neurochirurgie habilitiert ist. Seit vergangenem Semester hat sie die Lehrbefugnis an der Universität Innsbruck. Ihre Kinder waren fünf, drei und ein Jahr alt, als sie nach ihrem Medizinstudium in Innsbruck 1991 an die oberösterreichische Landesnervenklinik Wagner Jauregg in Linz kam. Wie sie das alles schaffte, weiß sie heute nicht mehr so richtig. "Mit viel Einsatz ging es irgendwie", meint die Mutter, deren älteste Tochter mittlerweile auch schon ein Medizinstudium begonnen hat.

Sechs Monate nach Beginn ihrer Turnuszeit an der Landesnervenklinik erhielt die gebürtige Linzerin durch Zufall das Angebot zur Facharztausbildung. So wurde sie Neurochirurgin, stieß in eine Domäne, "die bisher in Österreich noch fest in Männerhand ist". Mit 37 Jahren war Wurm Oberärztin der neurochirurgischen Abteilung. Seit dem Wintersemester unterrichtet sie nun auch Medizinstudenten. Das Wagner Jauregg ist Ausbildungskrankenhaus der Uni Innsbruck, weshalb Studenten in Linz ihr Praktikum oder die Famulatur dort absolvieren können.

"Mein wissenschaftliches Interesse galt von Anfang an Problemen im klinischen OP-Alltag", berichtet sie. So gelang es ihr, mikrochirurgische Operationskonzepte für die Epilepsiechirurgie wesentlich zu vereinfachen und auch die Sicherheit der Patienten zu erhöhen. Dafür erhielt Gabriele Wurm im Jahr 2000 den Wissenschaftlichen Preis der Österreichischen Gesellschaft für Neurochirurgie. Seit 1996 beschäftigt sich die Linzer Medizinerin speziell mit dem Computereinsatz in der Neurochirurgie.

In ihrer Habilitationsschrift untersuchte sie die "digitale Dreidimensionalität für chirurgische Planung und intraoperative Nutzung". Oder einfacher ausgedrückt: "Ich wollte die Planungsschiene und die Vernetzung verschiedener Untersuchungen optimieren."

Mithilfe des Navigationssystems können alle Befunde im Operationssaal vom Neurochirurgen abgerufen werden. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit im Vorfeld eines Eingriffes erfordere allerdings Toleranz bei den Ärzten, gibt Wurm zu. Sei es doch ein offenes Geheimnis, dass die verschiedenen Abteilungen in Krankenhäusern oft miteinander konkurrieren. "Das Wagner Jauregg hat jedoch eine Sonderstellung", betont die Oberärztin. Der Computer eröffnete aber noch weitere Möglichkeiten. "Bei uns werden aus dreidimensionalen Datensätzen stereolithografische Modelle des Schädels angefertigt und über eine Prototyping-Technik passgenaue Knochenprothesen aus einem Karbonfaser-Verbundwerkstoff angefertigt."

Der Werkstoff ist in dieser Indikation neu; die jetzt vorliegenden und sehr ermutigenden Nachuntersuchungsergebnisse dieser Patienten (Verträglichkeit des Werkstoffes und kosmetisches Resultat) wurden im Dezember 2004 im renommierten "Surgical Neurology" publiziert, freut sich Wurm über den internationalen Erfolg ihrer Arbeit. (Kerstin Scheller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 3. 2005)

  • Artikelbild
    illustration: oliver schopf
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