Wer zeigt uns mehr als schöne Häuser?

14. März 2005, 22:20
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Bühne frei für die Nabelschau: Fünfzehn Architekten präsentieren sich auf dem "Turn On"-Architekturfestival im Radiokulturhaus

Was bringt so ein Vortragsmarathon?


Immer wieder dieselbe Klage. Zum Beispiel unlängst, anlässlich der Eröffnung der aktuellen Ausstellung im Architekturzentrum Wien. Direktor Dietmar Steiner war einerseits stolz, den Architekten Ottokar Uhl wieder vom Staub der Geschichte befreit zu haben und präsentierte ihn als "Österreichs einzigen intellektuellen Architekten", der in den Sechzigerjahren Kirchen im Industriebauverfahren und dann Wohnbauten im Mitbestimmungsverfahren errichtete. Andererseits hält er damit den heutigen Architekten vor, sie hätten, anders als Uhl, keinen Zugang mehr zur Theorie. Dasselbe sagt auch Wolf Prix, Frontman der Erfolgsgruppe Coop Himmelb(l)au, immer wieder zu seinen Studenten an der Wiener Angewandten.

Der Architekt, ohnehin unter permanentem Selbstverwirklichungsverdacht ("der will sich doch bloß ein Denkmal bauen"), bekommt auch innerhalb der eigenen Szene mächtig Druck, doch bitte mehr zu können, als nur termingerecht und kostengünstig etwas abzuliefern, das Chancen hat, in die Hochglanzmagazine oder auf Seiten wie diese hier zu kommen.

Da ist es schon mutig, fünfzehn Architekten zu einem "Festival" einzuladen, das kein Thema hat, sondern damit wirbt, ein "non-stop"-Programm zu haben. Margit Ulama, die Organisatorin, nimmt das Wagnis, Architekten über nichts anderes als ihre eigene Architektur reden zu lassen, nun schon zum dritten Mal auf sich und bittet am heutigen Samstag ins Radiokulturhaus. Wer aber schon erlebt hat, wie Kongressteilnehmer verzweifelt nach einem roten Faden suchen, der kann sich hier entspannt zurücklehnen. Aber reicht das? Reicht es, schöne Bauten in Lichtbildern vorbeirauschen zu sehen wie bei einem Amazonas-Abend in der Urania?

Die einzige Regel auf diesem Kongress für die ganze bauinteressierte Familie - es gibt auch ein Kinderprogramm - besteht darin, dass jeder nur ein einziges Gebäude vorstellen darf. Das allein aber erwies sich im vergangenen Jahr als erstaunlich hilfreiches Instrument, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn wer seine Redezeit dazu missbraucht, um schalltechnische Finessen auszubreiten, oder sich von einem sauber gelösten Detail zum nächsten hangelt, der mag zwar immer noch zu den guten Architekten zählen. Aber die, deren Architektur das Ergebnis eines klar entwickelten Gedankens ist, treten anders auf. Nicht unbedingt als glänzende Redner, aber doch immer als Persönlichkeiten.

Die Theorie, dieses schillernde Wesen, zeigt sich dann nicht in Querverweisen auf Foucault, Derrida oder wen auch immer. Die Architekten scheinen seit Jahrzehnten davon besessen, ihre Profession mit geborgtem Wissen anzureichern, das sich nicht selten als schiefe Metapher hinter einer schrägen Säule versteckt. Vitruv, der allererste Architekturtheoretiker, forderte zwar, dass der Architekt umfassend gebildet sein müsse. Aber dieses Wissen dient nicht zur Abschreckung, es materialisiert sich, wenn es denn vorhanden ist, in einem Gebäude, das dann so unterhaltsam zu lesen ist wie ein gutes Buch. Auf diese Verwandtschaft zielt die berühmte Stelle aus Victor Hugos Buch Notre Dame de Paris, wo mit dem Beginn des Buchdrucks das Ende der Baukunst eingeläutet wird. Nur hat das Buch die Architektur nicht umgebracht, sondern nur ärmer gemacht. In den seltensten Fällen hat sie noch eine Geschichte zu erzählen.

Das wirkungsvollste Mittel, wieder zu Geschichten zu kommen, ist die biografische Erzählung. Nicht umsonst tragen alle großen Stars der gegenwärtigen Weltarchitekturszene so schillernde, oft ein wenig erschwindelte Biografien mit sich herum. Frank Gehry saß nicht in einer selbst gezimmerten Hütte am Strand von Malibu herum, bevor er sich aufschwang, die Welt mit Stahlblechgewittern zu überziehen, sondern hatte da die erste Karriere schon hinter sich. Zaha Hadid hatte es sicher nicht leicht, als Frau und Irakerin, aber ohne die Millionen der Eltern hätte es wohl nie den großen Durchbruch gegeben.

Kommen Architekten von diesem Kaliber, und ja, Zaha Hadid ist auch dabei, dann strömt das Publikum. Zum Glück liegt der Schwerpunkt des "Turn-on"-Kongresses jedoch bei einer gut zusammengestellten Auswahl von Architekturbüros, die sich selbst behaupten müssen und durch keinen Rummel um die Person gedeckt sind.

Die Geschichten müssen also aus einer anderen Richtung kommen. Und sei es, dass die Architektur ganz bewusst Hintergrund wird. Nur das ist an diesem Wochenende nicht zu erwarten. Niemand steht derzeit unter dem Verdacht, in die Fußstapfen von Hermann Czech zu treten. Bleibt also abzuwarten, wer sein Gebäude zum Sprechen bringt und wer es besser nur in Bildern gezeigt hätte. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 05./06.03.2005)

Von Oliver Elser

architektur
@derStandard.at


Architekturfestival "Turn-On"
Sa., 5. 3. 2005
13-22 Uhr
RadioKulturhaus
1040 Wien
Argentinierstr. 30a
Eintritt frei
  • Artikelbild
    logo: festival
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