Betonierte Ballerina

11. März 2005, 13:07
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Eine stolpernde Jubelbiografie über die 1937 in Rio geborene Startänzerin Marcia Haydée

Filmdiven wie Greta Garbo umgibt eine wallende, aus Voyeurismus, Tratsch und Glamour gezauberte Aura. Gefeierte Ballerinen hingegen, die in den Rang von Superstars erhoben werden, wie Anna Pawlowa, Margot Fonteyn, Marcia Haydée oder Sylvie Guillem, bleiben eher distanzierte Grazien. Hat doch der Film eine etwas spektakulärere Breitenwirkung als das Ballett. Der klassische und neoklassische Tanz steckt außerdem in einer Legitimationskrise; seine Choreografen finden nur schwer aus ihrer genrebedingt rückwärts gewandten Introvertiertheit.

Marcia Haydée, die 1937 in Rio geboren wurde und in zwei Jahren ihren 70. Geburtstag feiert, ist jetzt im Henschel Verlag ein Band mit dem Titel Divine gewidmet. Die Verfasserin, Cornelia Stilling-Andreoli, hat 30 Jahre lang den Werdegang der Starballerina beobachtet und umfangreiches Material zusammengetragen, das auch über Haydées Umfeld informiert. 1976, drei Jahre nach dem Tod des Choreografen John Cranko, der das Stuttgarter Ballett zu einer der weltweit gefragtesten Compagnien gemacht hatte, übernahm Haydée die Leitung der Truppe. Als sie sich 1996 von dieser Funktion zurückzog, lebte das Ballett nur noch vom Glanz vergangener Tage. Die Aufgabe der tänzerischen Innovation übernahm das Ballett Frankfurt unter William Forsythe.

Stilling-Andreoli ist keine tief greifende Biografie gelungen, sondern eher eine sich über mehr als 200 Seiten hinziehende Lobeshymne in alter Aufzählmanier. Sie betoniert die Ballerina in ihre Bewunderung ein und versorgt ihre Leser mit allen Stereotypen, in die klassische Tänzerinnen gern gegossen werden. So ist eine weitere plane Erzählung von Talent und Zähigkeit, von Disziplin, Selbstkasteiung und Traumkarriere entstanden. In dem Buch wird zudem nicht mit Wiederholungen gespart. Wohl aber mit Kontextsetzungen und Analysen, die erklärt hätten, woher die Faszination an dieser Tänzerin tatsächlich gekommen sein mag. Bei der Schilderung der zweiten Karriere, die Haydée mit 60 Jahren auf den Bühnen des Tanztheaters gestartet hat, und die wahrlich nicht zu ihrer künstlerischen Grandezza beiträgt, bleibt die Autorin ebenfalls bloß Elogendichterin. Dafür lässt sie auch schon einmal eine Arbeit unter den Tisch fallen, wie etwa das Stück "Floresto do Amazonas", das am 15.12.2000 in der Wiener Stadthalle uraufgeführt wurde.

Marcia Haydée - Divine ist eine altbackene Neuerscheinung. Eines jener reflexionsarmen Tanzbücher voll von adoratorischem Sentiment, die heute bereits unlesbar geworden sind. Schade. Henschel hatte im Vorjahr mit Herausgeber Gerald Siegmunds Standardwerk William Forsythe - Denken in Bewegung eine wesentlich bessere verlegerische Hand bewiesen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 05./06.03.2005)

Von Helmut Ploebst
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    Cornelia Stilling-Andreoli:
    Marcia Haydée - Divine
    Mit Fotografien von Gundel Kilian. € 24,90/207 Seiten, Henschel, Berlin 2005

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