Große Spießer, kleine Bestien

11. März 2005, 13:24
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Lukas Hartmanns Gedenken der anderen Art

Vor vielen Jahren, als ich noch ein halbes Kind war, haben wir zu dritt einen Menschen in den Tod getrieben." So fängt das Buch von Lukas Hartmann an, und damit ist klargestellt, dass es sich um mehr als einen Entwicklungsroman über eine Kindheit im Dorf handeln wird. 1967 hat sich das zugetragen, fährt der Icherzähler fort, und das Dorf liegt im schweizerischen Emmental, klein, sauber, mit Käserei und Kirche, mit Schulhaus und Post.

Aber es gibt da auch eine Villa. In der lebt seit Langem eine Witwe, eine Deutsche. Um das Geheimnis dieser Villa drehen sich die Fantasien der drei Buben, zumal die Witwe Besuch erhält. Eine schroffe, unattraktive Frau mit zwei Schäferhunden zieht bei ihr ein. Das Dorf ist bald voll von Gerüchten.

Hartmann fügt der Geschichte von Faszination, Abstoßung, Vernaderung und Hexenjagd eine historische Dimension hinzu. Die Frau, die in der Villa lebt, ist eine deutsche Immigrantin, ebenso ihr Gast. Und für die Einheimischen ist klar, die Fremden sollen froh sein, in der Schweiz leben zu dürfen. Dass die sich eine Kritik am Gemeinderat erlauben, ist einfach ungeheuerlich. Schließlich sind "die Deutschen" Verbrecher, und man selbst gehört zu den Guten und Anständigen. Einer der Hauptvertreter dieser allgemeinen Überzeugung ist der Vater des Erzählers, ein Lehrer. Er trieft vor feister Selbstgerechtigkeit, privat ist er freilich nicht ganz so sauber. Über seine Affäre mit der Junglehrerin wissen alle Bescheid.

Aber man muss das Große und Ganze im Blick haben. Die Schüler dürfen eine Kinovorstellung über die Verbrechen der Nazis besuchen. Spätestens ab da steht für die drei Buben fest: Die beiden fremden Frauen, von denen eine schon seit Jahrzehnten im Dorf lebt, sind wohl verkappte Kriegsverbrecher. Und die eine mit den Schäferhunden ist wahrscheinlich Adolf Hitler selbst, der sich in der Schweiz und unter Frauenkleidern versteckt. Die Buben beschließen, die Verdächtigen zu entlarven. Das Ganze bekommt eine Eigendynamik, das umso leichter, als den Kindern sowieso verboten wird, mit den Fremden zu sprechen und das Misstrauen und die Intoleranz der Erwachsenen sich in der Dummheit und der Brutalität der Kinder widerspiegeln und potenzieren. Hartmann erzählt abwechselnd aus der Perspektive des Buben und des Erwachsenen, der vor seinen eigenen, verdrängten Erinnerungen erschrickt. Verhalten im Ton, ganz nüchtern schildert er, wie sich die einstigen Spielkameraden nach der Tat aus den Augen verlieren. Einer von ihnen, ein dumpfer Rassist, ist die kleine erbarmungslose Bestie von damals geblieben. Nirgendwo in all der Selbstbeweihräucherung ist die Rede von der Zurückweisung von Flüchtlingen, keine Rede von den Nazi-Millionen auf den Schweizer Banken. Der Mythos von den Helden, die eine Grenze bewacht haben, damit der Faschismus nicht ins Land der Anständigen kommt, deckt alles zu.

Die Deutsche im Dorf ist ein Gedenken der besonderen Art: Wie man sich selbst betrügt, sich auf Kosten der anderen erhöht und wie eine fatale Gruppendynamik funktioniert, das kann Hartmann überzeugend entwickeln. Dass er dabei ohne pädagogische Keule und erwartbare Schablonen unterwegs ist, macht die Qualität dieses Romans aus. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 05./06.03.2005)

Von Ingeborg Sperl
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    Lukas Hartmann:
    Die Deutsche im Dorf
    € 22,10/304 Seiten. Nagel & Kimche, München 2005

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