Unterhaltung - des Lebens

26. März 2005, 22:15
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Eine Ausstellung und eine Filmretrospektive für Fritz Grünbaum, der heuer 125 Jahre alt würde

Wien - Viktor Matejka, der einstige Wiener Kulturstadtrat, war Zeuge des letzten Auftritts von Fritz Grünbaum: Silvester 1940, in der Lagerbaracke des Konzentrationslagers Dachau. Zur Unterhaltung der Mitgefangenen stieg der bedeutendste Wiener Kabarettist der Zwischenkriegszeit, jahrzehntelang umjubelter Star in Wiener wie Berliner Häusern, auf die provisorische Bühne aus zusammengeschobenen Tischen. Wiederholt hatte er - Matejka stand Schmiere - von diesem Podium aus den Kameraden jenes befreiende Lachen geschenkt, zu dem er selbst nicht länger die Kraft hatte. "Unterhaltung als Unterhaltung des Lebens im eigentlichen Sinn", so Matejka in einem Interview mit Volker Kühn, dessen eindringliche Film-Dokumentation Totentanz - Kabarett im KZ vor wenigen Jahren in der Edition Mnemosyne als DVD veröffentlicht wurde.

Wenige Tage nach jenem Auftritt unternahm Fritz Grünbaum einen verhinderten Selbstmordversuch. Am 14. Jänner 1941 starb er in Dachau.

Die Dankbarkeit der Mithäftlinge für Fritz Grünbaums große Kunst lässt sich aus den Entbehrungen ablesen, die sie Monate zuvor auf sich genommen hatten, um seinen 60. Geburtstag - am 7. April 1940 - zu feiern. "Längere Zeit hindurch nahmen wir nur einen kleinen Teil unserer Tagesration", so Fritz Kleinmann, der in derselben Baracke wie Grünbaum untergebracht war, "statt vier Mann nahmen sechs Mann einen Laib Brot (1 1/2 kg), vom Quark nahmen wir nur an jedem zweiten Tag einen Löffel, bis wir eine Schüssel voll hatten. Wir sparten auch einen Würfel Margarine (1/2 kg) und einen Becher Marmelade ein."


Sprache und Körper

Von der ersten, eher zufälligen Conférence im Jahr 1906 an hatte der 1880 in Brünn geborene Jura-Absolvent und angehende Advokat sein Publikum mit Körper- und Sprachwitz in Bann geschlagen. Von Anfang an arbeitete er auf mehreren Ebenen. Nahezu allabendlich trat er jahrzehntelang auf den wichtigsten Kabarettbühnen des deutschen Sprachraums auf: dem Wiener Simplicissimus, der Hölle, dem Pavillon, dem Berliner Chat Noir, dem Kabarett der Komiker und anderen. Er schrieb die Texte für seine Ansagen und für hunderte von Schlagern, über 40 Opernlibretti, wie etwa die 1907 von Leo Fall vertonte Dollarprinzessin, einen der größten Erfolge in der Geschichte des Genres. Es folgten in den Zwanzigern die großen Revuen, in den Dreißigern der Tonfilm, der Grünbaum umgehend als Drehbuchautor wie als Darsteller entdeckte.

Ein Großteil seines Werks ist heute verschollen, für den Augenblick entstanden, in Vergessenheit. Zahllose Texte liegen unentdeckt in Archiven in Wien und Berlin, harren einer ausgiebigen Recherche.

Anlässlich seines 125. Geburtstags nun eröffnen sich verschiedene Möglichkeiten für eine Annäherung an Fritz Grünbaums Lebenswerk: Das Wiener Theatermuseum am Lobkowitzplatz organisiert eine Ausstellung (bis 8. Mai), begleitet von einem Katalog mit ausführlicher Biografie (Grüß mich Gott! Fritz Grünbaum - Eine Biographie, Christian Brandstätter Verlag), im Löcker Verlag erscheint eine 280-seitige Textsammlung (Hallo, Hier Grünbaum!), der Molden Verlag veröffentlicht erotische Gedichte (Vierweiberei), die Edition Mnemosyne brachte eine Doppel-CD heraus mit Aufnahmen Grünbaums (Das Cabaret ist mein Ruin) - und das Filmarchiv Austria zeigte im Wiener Metrokino bis Sonntag eine Grünbaum-Retrospektive. (DER STANDARD, Printausgabe, 05./06.03.2005)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Wiederentdeckung zu seinem 125. Geburtstag: der Kabarettist Fritz Grünbaum.
    foto: katalog

    Wiederentdeckung zu seinem 125. Geburtstag: der Kabarettist Fritz Grünbaum.

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