"Schlafen kann man daheim auch"

3. Jänner 2007, 12:10
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Erstmals konnte heuer eine österreichische Delegation an den rennommierten Model United Nations der Universität Harvard teilnehmen - ein Erfahrungsbericht mit Ansichtssache

HARVARD NATIONAL MODEL UNITED NATIONS – ein klingender Name wie dieser zieht seit bereits 51 Jahren ambitionierte und engagierte Studenten aus der ganzen Welt an die Ostküste der USA.

So kam es, dass wir, das sind Fritz Bachmair, Nicole Brandl, Nikolaus Cichy, Noële Crossley, Alejandro Garcia Alvarez, Mario Kempf, Josef Mantl, Isolde Rabl, Emanuel Riccabona, Bernhard Stummer, Dominik Zotti und ich, Marie-Therese Thill, uns als erste österreichische Delegation nach Boston, Massachusetts, aufmachten, um dort an der ältesten und bekanntesten, von der Harvard University ausgerichteten Model United Nations teilzunehmen. Immerhin haben wir uns fast ein halbes Jahr auf diese Konferenz vorbereitet um uns in der Simulation der zahlreichen Gremien der Vereinten Nationen, wie zum Beispiel der Commission on Human Rights, der World Health Organisation oder der World Trade Organisation, mit den besten nationalen und internationalen Studenten zu messen.

Das Besondere bei Model United Nations ist, dass man nicht seine eigene Nation repräsentiert, sondern sich in die Rolle eines anderen Landes hineinversetzen und dessen Positionen vertreten muss; und so wurden wir Schweden. Da wir schon am 16. Februar, also einen Tag vor Konferenzbeginn, in Boston angekommen waren, ließen wir es uns natürlich nicht nehmen den Harvard Campus zu besichtigen. Wir wurden von einer sympathischen Harvard-Studentin namens Rebecca über das altehrwürdige Gelände geführt, in ihrer Darstellung schien es, als würden alle hier nur Party machen, eigentlich nichts lernen und außerdem der Großteil der Harvard-Studenten am Hungertuch nagt, was ja besonders auf den Prinz von Jordanien und Schauspielerin Natalie Portman zutrifft, die beide hier studiert haben. Na klar.

Am nächsten Tag ist es schließlich soweit, wir checken im noblen Boston Park Plaza Hotel ein, wo alle nationalen und internationalen Delegierten untergebracht sind und die Sitzungen stattfinden. Nach der Registrierung, findet am Abend die Eröffnungsfeier statt, Secretary-General Matthew Smith spricht Begrüßungsworte und verkündet stolz, dass zum ersten Mal in der Geschichte der HNMUN eine irakische Delegation teilnehmen kann und legt eine dramatische Pause für den obligaten tosenden Applaus ein. Hey, Österreich nimmt auch zum ersten Mal teil, aber bitte. Interessant ist allerdings, welche Nation die Delegierten der Universitäten von Bagdad und Basra vertreten, nämlich – wie hätte es anders sein können – die Republik Österreich.

Gleich anschließend finden die ersten Sitzungen der verschiedenen Ausschüsse statt, deren Ziel es ist, eine mehrheitsfähige Resolution zu erarbeiten, was Einiges an diplomatischem Geschick und Fachwissen erfordert. Ich sitze in dem dritten Komitee der Generalversammlung, das sich mit sozialen, kulturellen und humanitären Angelegenheiten befasst. Erster Punkt ist die Debatte um die Agenda, nach einigen Reden pro und contra spricht sich die Mehrheit für das aktuelle und kontroverse Thema Human Rights and Counterterrorism aus. Natürlich steht am ersten Abend noch ein offizielles Fest an, gefeiert wird im Bostoner Club Felt, die schwedische Delegation ist natürlich vollzählig anwesend. Allerdings schließen die Lokale in Boston um 2 Uhr, daher wurde noch ein bisschen am Zimmer weiter gefeiert.

 Trotz allem sind wir am nächsten Tag um 10 Uhr für die Bustour durch Boston gestellt, obwohl einige Kollegen noch beträchtlich mit den Auswirkungen der letzten Nacht zu kämpfen haben, „aber schlafen kann man daheim auch“ (Zitat Head-Delegate Fritz Bachmair). Den ganzen Nachmittag lang bis in die Nacht hinein tagen die Committees, ausgesprochen anstrengend den Meinungen von so vielen Staaten zu folgen, mittlerweile ist auch die Erarbeitung von so genannten Working Papers, die Ideen von Resolutionen formulieren, voll im Gange. Wiederholt versuche ich gemeinsam mit Italien den Internationalen Gerichtshof zu thematisieren, aber dessen Einbindung in die Resolution scheitert am Widerstand der USA und der Volksrepublik China.

Auch am vorletzten Tag wird in den Ausschüssen hart gearbeitet; Draft Resolutions, die ersten Resolutionsentwürfe, werden debattiert, Ammendments hinter den Kulissen verhandelt. Es bleibt nicht mehr viel Zeit um sich zu einigen, denn bereits morgen Mittag wird die Debatte geschlossen. Trotz der Anstrengungen der letzten Tage geht es am Abend mit dem Delegate Dance weiter. Natürlich tun wir alles um unserem Image als Schweden im Ausland gerecht zu werden. Der letzte Konferenztag ist da, heute muss abgestimmt werden. Das Tempo der Debatte hat zugenommen, mit Hochdruck wird an mehrheitsfähigen Resolutionsentwürfen gearbeitet. Schließlich wird ein Konsens erreicht und es kann abgestimmt werden, auch ich stimme zu, denn ein für Schweden wichtiger Aspekt ist in die beschlossene Resolution eingeflossen.

Erleichtert geht es zur Abschlussveranstaltung, es werden Produktivität und Kompetenz der Ausschüsse gelobt und schließlich die Harvard National Model United Nations für beendet erklärt. So schnell sind diese vier Tage vorüber gegangen, sie waren ebenso bereichernd wie anstrengend. Denn die Möglichkeit über die Mechanismen von internationalen Beziehungen, die Dynamik von Debatten und den Prozess der Konsensfindung so praxisnah zu erleben, macht die Harvard National Model United Nations wirklich einzigartig.

Von Marie-Therese Thill

Die Autorin ist 21 Jahre alt und studiert im 6. Semester Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien.

Fotos des Aufenthaltes: Ansichtssache
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