"Das System muss durchlässig bleiben"

3. März 2005, 20:08
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Ein Gespräch mit den Kommunalpolitikern Johannes Hahn und Klaus Luger und den Architekten Wolf D. Prix und Karla Kowalski

Wettbewerbe bringen Kosten, aber auch Transparenz mit sich. Die Kommunalpolitiker Johannes Hahn (ÖVP Wien) und Klaus Luger (SPÖ Linz) diskutierten über die Frage nicht nur miteinander, sondern auch mit den Architekten Wolf D. Prix und Karla Kowalski. Gerfried Sperl moderierte.


STANDARD: Meine Herren, was haben Sie aus diesem Nachmittag gelernt?

Hahn: Ich selbst komme ja nicht aus der Wohnbaupolitik, daher war es aufschlussreich für mich zu sehen, dass eine gewisse Ratlosigkeit über die Zukunft der Wettbewerbe herrscht. Zu einem bestimmten Zeitpunkt war dies ein notwendiges Instrument, aber möglicherweise ist es jetzt am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Es ist die Aufgabe der Politik, Entscheidungen zu fällen und sie nicht an andere zu delegieren, an Beiräte und sonstige Räte. Dort, wo es Sinn macht, wäre auch eine Reduktion der Zahl oder der Intensität von Wettbewerben für mich akzeptabel, wenn die Entscheidung, die dann getroffen wird, hinreichend transparent und überprüfbar ist und sich der verantwortliche Politiker später einem Votum stellen muss.

Luger: Wir sind ja nicht die Ersten, die sich mit der Qualitätssicherung im Wohnbau beschäftigen, aber es scheint so zu sein, dass Architektinnen und Architekten, die den Schritt zur Etablierung bereits geschafft haben, das Instrument des Wettbewerbs heute ein wenig anders sehen als zu dem Zeitpunkt, als sie von der Technischen Universität oder von unserer eigenen Kunstuniversität in Linz gekommen sind. Aus meiner Erfahrung in Linz ziehe ich den Schluss, dass wir hier nicht dogmatisch vorgehen sollten. Die Losung "Wettbewerb um jeden Preis" ist genauso wenig zielführend wie Wettbewerbe grundsätzlich abzulehnen. In einem demokratischen System und einem Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb setzt, ist dies ein gutes Mittel für die Transparenzfindung. Man muss nur aufgrund der Größe, der Bedeutung und der Qualität des Projektes entscheiden, welchen Weg man geht.

Wir versuchen bei großen städtebaulichen Projekten wie etwa dem Areal des Frachtenbahnhofs Linz mit 300.000 Quadratmetern in der ersten Phase einen offenen städtebaulichen Wettbewerb zu machen und in Folge dann jedoch entweder auf Einzelwettbewerbe zu setzen oder auch Projekte einzelner Bauträger dann direkt dem Gestaltungsbeirat zur Begutachtung vorzulegen. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht. Wir haben einen solchen Gestaltungsbeirat in Linz seit 1988, und ich glaube, dass sich unsere Architekturqualität seither besser entwickelt hat, wir weniger Bausünden und Fehler begangen haben als in den Perioden vorher.

Hahn: Das klingt plausibel. Aber noch zum Thema Qualität: Diese wird immer stark im rein Materiellen gesehen, was etwa die Einhaltung von Bauordnungen anbelangt. Es gibt allerdings viele Qualitätskomponenten - Lärm, Luft, Gestank, Leben im Grünen -, und die Politik und die Bauträger sollten sich zu einer solchen Qualitätsvielfalt bekennen.

STANDARD: Professor Prix wollte zu den Wettbewerben noch etwas sagen.

Prix: Ich möchte die Vermutung zurückweisen, dass die Architekten Wettbewerbe verlangen, wenn sie jung sind, und diese ablehnen, wenn sie alt und erfolgreich sind - aus Angst, dass sie dann den Futtertrog verlieren. Ich bin deshalb gegen Wettbewerbe, weil ich nicht will, dass junge Büros sich zu Beginn ihrer Karriere tief verschulden und abhängig werden von der Gnade irgendwelcher Auftraggeber. Ich würde es gerne sehen, wenn wir Architekten verlangen würden, dass für jeden Wettbewerb Kostenersatz an die einzelnen Teilnehmer gezahlt wird. Was würden die geschätzten Auftraggeber, die jetzt zur freien Auswahl in die Kiste greifen können, sagen, wenn sie für jeden Beitrag bezahlen müssen?

Luger: Ich glaube, dass bei der Frage der Wettbewerbe der öffentlichen Hand auch eine gewisse Verantwortung zukommt. Ich sage ja nicht, dass es immer und überall einen EU-weiten offenen Wettbewerb geben muss, der nicht nur jüngere Büros ausschließt, sondern auch mittelgroße Büros unter ökonomischen Druck setzt. Bei mittleren Projekten wie zum Beispiel Kindergärten machen wir in Linz geladene Wettbewerbe, und wir haben das eine oder andere Projekt, wo wir - nicht unbedingt zum Amusement der Architektenkammer - nur junge Architekturbüros eingeladen haben. Bei städtebaulichen Wettbewerben gibt es auch Kooperationen mehrerer jüngerer Architekturbüros, die dann auch für einzelne Projekte Arbeitsgemeinschaften bilden. Ich kämpfe nur darum, dass das System durchlässig bleibt. Ich halte es auch für eine besonders bedenkliche Entwicklung, dass durch immer mehr Public-Private-Partnership-Modelle auch die Pflicht zu Wettbewerben leichter zu umgehen ist. Dann besteht die Gefahr, dass der Teilnehmerkreis der Architekten sehr klein wird.

Hahn: Man kann hier keine Generalregel schaffen. Es gehört zur persönlichen Verantwortung des Politikers, dass er sicherstellt, dass auch junge Architekten hier mitmachen können. Es gibt Aufträge, wo Arriviertere bessere Möglichkeiten haben, und das ist auch okay, denn diese waren auch einmal nicht arriviert. Und genauso ist es notwendig, dass diejenigen, die noch frisch im Geschäft sind, bei anderen Projekten Chancen erhalten. Ich habe noch kaum gehört, dass ein Architekt, der noch nie ein Projekt gehabt hat, mit einem Megaprojekt die Szene betreten hat.

Kowalski: Ein Wort bitte noch zu einigen Reizworten, die gefallen sind - vor allem das Wort "arriviert". Anders als die Steuerberater "arrivieren" die Architekten nicht. Im Alter von 60, 70 Jahren sind die wieder jeden Tag am Anfangspunkt. Und die Wahrheit ist, dass die Architekten sich im Augenblick ausbluten - aufgrund der Investitionsstrategie der Konzerne und der schlechten Wirtschaftslage in Europa, ich weiß es nicht. Es gibt Unmengen von arbeitslosen Architekten, und wir bilden die auch noch aus.

STANDARD: Ihre Schlussworte, bitte.

Luger: Dass viele Fragen in Wettbewerben bei Architektinnen und Architekten den Charakter der Selbstausbeutung haben, ist unbestritten. Nur ist es nirgendwo festgelegt, dass Investoren und die öffentlichen Hände, die ich hier ganz besonders einmahnen will, die Teilnahme gerade an geladenen Wettbewerben nicht honorieren können. Wenn man sich die Kostenstruktur für Architekturwettbewerbe ansieht, dann glaube ich, dass es sich die öffentliche Hand leisten kann. Das wird zwar partiell, aber nicht bundesweit praktiziert.

Unsere Städte würden schlechter aussehen und unser Wohnbau hätte eine viel schlimmere Qualität, wenn es nicht in Österreich kontinuierlich Wettbewerbe, Gutachterverfahren und Beiräte gegeben hätte. Die Gefahr besteht nur darin, dass sich manchmal die Politik hinter Beiräten verschanzt. Da wird dem Gestaltungsbeirat ein Projekt geliefert, das dem Flächenwidmungsplan widerspricht und alle Auflagen radikal überschreitet. Es mag vorkommen, dass ein solches Projekt von der Politik als Versuchsballon gestartet wird. Wenn nachher alles eitel Wonne ist, werden Flächenwidmungen und Bebauungspläne geändert. Wenn aber Bürgerinitiativen oder Medien dann schreien, die Fachbeiratsjury habe einen Blödsinn gemacht, bleibt die Politik hinter der Hecke und wartet, bis alles erledigt ist. Unsere Erfahrungen in der Stadt in den letzten 17 Jahren waren manchmal schmerzhaft, was die Vorstellung der verantwortlichen Personen von Stadtentwicklung und Architektur und ihren Geschmack betrifft.

Als Kommunalpolitiker sehe ich meine Aufgabe nicht darin, eine Architekturqualitätskritik anzubringen, hier bin ich kein Experte. Ich muss in groben Linien für eine ordentliche Stadtplanung sorgen, für Korrektheit und für möglichst effizientes Verhalten der eigene Bauverwaltung - nicht darüber, ob die Fassadengestaltung A besser ins Stadtbild passt als B.

Hahn: Ich bin da ganz beim Kollegen Luger. Die Politik muss Rahmenbedingungen vorgeben, innerhalb derer dann die jeweils zuständigen Verantwortlichen - letztlich auch der einzelne Bürger - autonom und hoffentlich autark entscheiden können. Jeder soll seine Lebenskonzepte selbst verwirklichen können.

Ein Thema für eine zukünftige Tagung ist das Tempo der Umsetzung im Baubereich. Das ist - gelinde gesagt - steigerbar. Hier gehören wir nicht zu den Temposündern. Das wirft auch die Frage der Ressortzuständigkeiten in Wien auf. Vielleicht sollten wir darüber diskutieren, ob nicht eine Zusammenlegung des Wohnbauressorts mit dem Stadtplanungsressort zu einer Beschleunigung führen würde. Das ist ein charmanter Gedanke: Welche personellen Möglichkeiten sich dadurch auftun, mögen sich andere überlegen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2005)

Zur Person

Johannes Hahn (46) ist seit Dezember 2004 Obmann und Spitzenkandidat der Wiener ÖVP. SPÖ-Politiker Klaus Luger (45) ist seit 2003 Planungsstadtrat von Linz.

  • Sind renommierte Architekten gegen Wettbewerbe, weil sie diese nicht mehr brauchen? Wolf D. Prix (li.) griff in die Debatte zwischen Johannes Hahn (2. v. li) und Klaus Luger (re.) ein, um sich dagegen zu verwehren. (Mitte: STANDARD- 
Chefredakteur Gerfried Sperl).
    foto: standard/newald

    Sind renommierte Architekten gegen Wettbewerbe, weil sie diese nicht mehr brauchen? Wolf D. Prix (li.) griff in die Debatte zwischen Johannes Hahn (2. v. li) und Klaus Luger (re.) ein, um sich dagegen zu verwehren. (Mitte: STANDARD- Chefredakteur Gerfried Sperl).

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