Akademikerin soll Fahrscheine kontrollieren

21. März 2005, 15:41
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27-jährige arbeitslose Frau mit akademischer Ausbildung soll Fahr­schein­kontrollorin werden - Das AMS Oberösterreich hat ihr das Stellenangebot vermittelt

Linz - Stefanie ist 27 Jahre und steht am Anfang ihrer beruflichen Karriere. Nach dem ersten Studienabschnitt der Sportwissenschaften an der Uni in Wien wechselte sie an die Wirtschaftsuniversität und absolvierte dort den Lehrgang für Werbung und Verkauf. Genau die richtige Qualifikation für einen Fahrscheinkontrollor bei den Linz Linien, wenn es nach dem Arbeitsmarktservice (AMS) Oberösterreich geht.

Gegen derartige Behauptungen verwehrt sich dessen Leiter Roman Obrovski. Das neue Gesetz im Arbeitsrecht, in dem mit diesem Jahr die Zumutbarkeitsbestimmungen für Arbeitslose verschärft wurden, lasse keine andere Wahl. Zu welchen Auswüchsen dies führen kann, erfuhr Stefanie. Die junge Frau empfängt mittlerweile Notstandshilfe. Nach ihrem Lehrgang fand sie zwar eine adäquate Anstellung als Key-Accounterin für einen großen deutschen Sportartikelhersteller. Aufgrund von Umstrukturierungsmaßnahmen verlor sie aber nach zwei Monaten ihren Job und wurde wegen der kurzen Anstellungsdauer Notstandhilfeempfängerin (für Arbeitslosengeld hätte sie länger angestellt sein müssen).

Am 10. Jänner notierte ihr AMS-Betreuer im Akt: Vermittlung als Werbeassistentin in Vollzeit im Großraum Linz. Dann kam das erste Angebot zur Vertriebsmitarbeit für Marketing bei der Voest. So weit, so gut. Der Personalchef teilte ihr jedoch mit, dass es noch eine Zeit dauern würde, bis die Stelle besetzt würde.

Und so vermittelte das AMS weiter. "Ein Linzer Wachdienst sucht Fahrscheinkontrollore für die Straßenbahnen", diese Stelle hielt der Betreuer für die akademische Werbekauffrau für zumutbar. Denn so steht es in der Novelle: Eine Beschäftigung sei zumutbar, wenn sie "den körperlichen Fähigkeiten der arbeitslosen Person angemessen ist, ihre Gesundheit und Sittlichkeit nicht gefährdet". Berufliche Fähigkeiten sind kein Kriterium.

Keine Unterstützung

Wenn Stefanie nicht zum Bewerbungsgespräch erscheine, werde ihr die finanzielle Unterstützung gekürzt, teilte das AMS noch mit. Wegen ihrer "Vermittlungserfolge" wurden die Oberösterreicher schon für Schulungen ihrer Kollegen nach Wien geholt.

Die junge Frau ging jedenfalls zum Vorstellungsgespräch. Da sie aber kein Auto besitzt, scheidet sie als Anwärterin aus, da sie nicht für die Frühschicht ab vier Uhr eingeteilt werden könne. Doch Stefanie steht ohnehin kurz vor einem neuen Vertragsabschluss - ohne AMS-Hilfe. Ein Mobilnetzbetreiber will sie für den Key-Account. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2005)

  • 27-jährige Akademikerin soll künftig Fahrscheine kontrollieren
    foto: www.linzag.at

    27-jährige Akademikerin soll künftig Fahrscheine kontrollieren

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