Winterreifen wegen China

9. Mai 2005, 14:25
posten

Autosalons sind meist ein zuverlässiges Stimmungsbarometer - Von Andreas Stockinger

Für Genf, Austragungsort der traditionellen europäische Frühjahrs-Nabelschau, ließe sich heuer frei nach Karl Valentin formulieren: Die Zukunft war früher auch besser. Denn trotz nie gehabter Modellvielfalt will und will der Absatz nicht so recht anspringen, speziell die europäischen Hauptmärkte, voran Deutschland, schwächeln weiter. Als Folge ist ein beinharter Verdrängungswettbewerb im Gang, mit ruinösen Rabattschlachten - quasi ein Grauimport aus den USA -, ausgetragen vor allem über Sondermodelle und Kurzzulassungen. Dies und die Modellvielfalt sind aus Kundensicht eigentlich erfreulich: Ganz auf den eigenen Geschmack zugeschnittene Autos, und man kann noch Erfolg versprechend mit dem Händler feilschen. Wenn Wachstumsimpulse dennoch ausbleiben, liegt dies auch an der Psychologie: Je mehr auf hohem Niveau gejammert wird, wie schlecht’s uns in Österreich oder anderswo geht, desto mehr Zurückhaltung beim Autokauf - nach dem Wohnen laut Statistik schließlich größte Einzelinvestition. Hohe Abgabenbelastungen bis hin zu irren Spritpreisen und häufige Qualitätsprobleme wirken aber auch nicht gerade als Turbo. Dabei sind die Konzerne in Europa recht unterschiedlich aufgestellt. Italiens Fiat-Gruppe ist Dauerpatient, die Franzosen sind fit wie nie, bei den stark global orientierten Deutschen sieht’s durchwachsen aus - böser schwacher Dollar. Immer breiter macht sich Toyota, und die Koreaner haben triftige Preisargumente auf ihrer Seite, der technische Rückstand ist weit gehend Geschichte. Bleibt noch China: Nur noch wenige Jahre, dann werden die Weltmärkte mit Billigautos aus dem Reich der Mitte überschwemmt. Dann muss aber die ganze Autowelt Winterreifen anlegen. Kalt ist es schon jetzt am Genfer See. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2005)
Share if you care.