"Whisky": Routinen der Nachsaison

26. März 2005, 22:01
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Juan Pablo Rebellas und Pablo Stolls "Whisky", ein komischer, schwermütiger sehenswerter Film aus Uruguay

Juan Pablo Rebellas und Pablo Stolls "Whisky" verhandelt auf ebenso komische wie schwermütige Weise die Sehnsüchte und Marotten dreier älterer Menschen: ein sehenswerter Filmaus Uruguay.


Wien – Alles soll so bleiben, wie es ist. Für Jacobo (Andrés Pazos) ist die Routine ein Garant für Kontinuität. Der ältere Mann betreibt eine Sockenfabrik in Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay. So mechanisch wie darin die Maschinen immerzu dieselben Bewegungen vollziehen, so monoton laufen auch seine Tage ab. Die Einstellungen am Beginn von Juan Pablo Rebellas und Pablo Stolls Whisky machen es deutlich: Eine kurze Begrüßungsformel vor dem Fabrikstor, die Großaufnahme des Schlosses, der Gegenschuss aus dem Dunkeln der Halle, und das Licht geht an.

Abwechslung bringt ein jüdisches Ritual, die Mazewa von Jacobos Mutter. Für die Grabsteinlegung wird sein jüngerer Bruder Herman (Jorge Bolani), erstmals seit vielen Jahren, zu Besuch aus Brasilien kommen. Das Verhältnis zwischen den beiden ist angespannt. Um die Aufregung etwas zu mildern, wohl aber auch, um einen besseren Eindruck zu machen, wird sich Marta (Mirella Pascual), Jacobos treu ergebene Mitarbeiterin, als seine Frau ausgeben.

Eine kleine Charade unter ganz gewöhnlichen Menschen in fortgeschrittenem Alter steht also im Mittelpunkt des zweiten Spielfilms von Rebella und Stoll, die gerade einmal 30 Jahre alt sind. 2001 haben sie mit 25 Watts, der sich noch autobiografisch mit der Jugend von Uruguay beschäftigte, ihr Debüt gegeben, das zum Festivalerfolg wurde. Mit seiner knappen Erzählweise war er eines der populärsten Beispiele für die Eigenständigkeit einer neuen Generation lateinamerikanischer Filmemacher, die sich mit einigem Realitätssinn ihrer Umwelt annimmt.

Auch Whisky – der Titel meint nicht mehr als ein Wort, das beim Aussprechen ein Lächeln am Foto hinterlassen soll – zeichnet eine nuancierte Beschreibung von Lebenswelten wie seine formale Rigorosität aus. Der Film verzichtet auf jeden Überschuss an Bewegung, Dialoge bleiben sparsam, geradezu lapidar. Es sind die statischen, so prägnant wie lakonisch kadrierten Aufnahmen, die Auskunft über die Gefühlslage der Figuren geben und sie an konkrete Orte mit verblassenden Farben binden.

Nicht nur zum Schein

Marta beispielsweise, in der Fabrik das umsichtige Zentrum, hört auf dem Heimweg Musik oder geht allein ins Kino. Schon dadurch erfährt man, dass in dieser Frau eine stille Sehnsucht schlummert. Wenn sie später die Wohnung Jacobos aufräumt und dabei die Betten zusammenrückt, dann tut sie das nicht nur, um den Schein zu wahren.

Die Melancholie der späten Jahre liegt über Whisky wie der Staub unter den Tischen. Deswegen passt es auch so gut, dass Herman, im Unterschied zu seinem störrischen Bruder ein gut gelaunter Lebemann, einen Ausflug ans Meer vorschlägt, wo die Saison noch lange nicht begonnen hat. Im fast leeren Grandhotel, in den Kasinos und am Strand setzt sich der verhaltene Prozess des Annäherns und Auseinanderdriftens unten den dreien fort, ohne dass sich Entscheidendes ändert.

Das Verharren in lange Zeit einstudierten Verhaltensweisen wird so auch stellenweise, mit einer an Kaurismäki oder auch an Jarmusch erinnernden, stoischen Komik ironisiert. Während Marta in dem Ambiente der Zerstreuung Talente offenbart – sie spricht fließend rückwärts –, empfindet Jacobo die Reise als Ärgernis, die Preise als Zumutung. Er sieht nur das Schlechte, Martas Avancen ignoriert er.

In Whisky geht es um letzte Möglichkeiten, um eine Liebe, die über Zeichen nicht hinauskommt. Die Großaufnahme eines Schlosses, der Gegenschuss aus dem Dunkeln, das Licht geht an: Alles wird bleiben, wie es ist – und sich doch ein wenig ändern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

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Verleih Polyfilm

  • Der Sockenfabrikant und seine heimliche Verehrerin: Jacobo (Andrés Pazos) und Marta (Mirella Pascual) in Juan Pablo Rebellas und Pablo Stolls "Whisky"
    foto: polyfilm

    Der Sockenfabrikant und seine heimliche Verehrerin: Jacobo (Andrés Pazos) und Marta (Mirella Pascual) in Juan Pablo Rebellas und Pablo Stolls "Whisky"

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