Mao wird zum Ziel für Chinas Touristen

1. Juli 2005, 14:29
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Kommunistische Partei Chinas hat Mao Tse-tung und die Orte seines Wirkens zum Programm namens "Roter Tourismus" zusammengefasst ...

Die Kommunistische Partei Chinas hat Mao Tse-tung und die Orte seines Wirkens zu einem Programm namens "Roter Tourismus" zusammengefasst, um den Chinesen "Stätten der patriotischen Erziehung" zu bieten


Mehr als 60 Millionen Chinesen pilgerten nach Shaoshan in der Provinz Hunan, seit vor einem halben Jahrhundert der Ort, in dem Mao Tse-tung zur Welt kam, für Besucher geöffnet worden ist. Das Pekinger Politbüro hat jetzt das Heimatdorf des kommunistischen Staatengründers neu entdeckt.

Es sei zum "Projekt Nummer 1" für Chinas neuen Revolutionstourismus erklärt worden, ist in der Wirtschaftszeitung Jingji Ribao zu lesen. Shaoshan sei eine "Stätte der patriotischen Erziehung". Zugleich wurde der Mao- Tourismus zum Haupterwerb für Shaoshans Privatwirtschaft mit ihren 3000 Unternehmen und 15.000 Lohnarbeitern. Von ihm profitierten Reisebüros und Devotionalienhersteller ebenso wie die 5393 privaten Bauernhaushalte der Region.

Aus dem kecken Slogan "Touristen aller Länder, vereinigt euch", mit dem die führende Pekinger Tourismuszeitschrift Lüyou für sich wirbt, hat Chinas Kommunistische Partei ein komplettes Werbeprogramm konstruiert. "Hongsi lüyou" (Roter Tourismus) heißt ihr neuer Begriff, der zur festen Rubrik in den Tageszeitungen geworden ist.

Zentralplaner, die seit dem Siegeszug der Marktwirtschaft in Peking merkbar unterbeschäftigt sind, durften für den Staatsrat den "Entwicklungsplan für den Roten Tourismus bis 2010 in China" ausarbeiten. Sie brauchten nur vier Monate dazu, lobte das Parteiorgan Volkszeitung, die ihn vor Kurzem veröffentlichte.

Revolutionsrouten

In der ersten Etappe bis 2007 sollen zwölf ehemalige Stützpunkte der Revolutio^näre, 30 Revolutionsrouten und 100 Gedenkstätten für Aufstände und Märtyrer touristenfreundlich erschlossen wer^den. Economic Times, die Zeitung des Staatsrats, verriet, wie viele Reisende im Rahmen des "Roten Tourismus" auf revolutionäre Pfade geschickt werden sollen. "Geplant sind jährlich 150 Millionen während der ersten fünf Jahre und 300 Millionen in zehn Jahren."

Der erst seit ein paar Jahren in den Städten aufgekommene Massenurlaub erhält nun revolutionäre Ziele. Dahinter steckt ein doppeltes Kalkül der Partei: Die ländlichen Armutsgebiete, von de^nen aus die Revolution den Ausgang nahm, sollen dank einfallender Touristenhorden endlich auch zu Geld kommen. Nebenbei, so hofft die Armeezeitung, würden die lustreisenden Städter erinnert, welchen Gewehrläufen sie ihren heutigen Reichtum verdanken.

"Langer Marsch"

Natürlich fehlt auch der legendäre "10.000 Li lange Marsch" von Maos Partisanenarmee nicht auf dem Programm "Roter Tourismus". Auch der Besuch des Mao- Mausoleum auf dem Pekinger Tiananmen-Platz gilt als Muss patriotischer Freizeitgestaltung. 120 Millionen Chinesen umrundeten bisher Maos Kristallsarg, doppelt so viele, wie sich seinen Geburtsort anschauten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.3.2005)

Von
Johnny Erling aus Peking
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