Bei Ebay über den Tisch gezogen

5. März 2005, 15:36
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Wie Gutgläubige von Bösmeinenden nach Online-Auktionen mit Tricks und Verkleidungen ihres Geldes beraubt werden

Wie Gutgläubige von Bösmeinenden nach Online-Auktionen mit Tricks und Verkleidungen ihres Geldes beraubt werden. Eine wahre Geschichte und eine Warnung zur Vorsicht an Kaufwillige.

Eine Gitarre

Am Anfang war die Lust. Nachhaltig erregt durch Angebot und Bild einer Gitarre der nordirischen Firma Lowden ("Claro Walnut O23c") auf der Dotcom-Site von Ebay. Der Interessent, nennen wir ihn Herr Sprung, überwindet seine anachronistische Angst vor den Weiten des digitalen Raumes und meldet sich bei Ebay an. Er steigert mit, patschert, weil Tage vor dem Ende der Auktion, und übereifrig, hört in einem Augenblick der Ernüchterung bei 1900 Dollar auf - und verliert. Ärger, Enttäuschung, Wut, Schwüre, die versäumte Chance nachzuholen. Träume von den Walnuss-Schultern der Frau Lowden.

Drei Tage später trudelt eine E-Mail mit einem "Second Chance Offer" für ebendiese Gitarre ein. Der Bestbieter habe zurückgezogen. Alles schaut total offiziell, mit Logo und Schriftart und Tonfall, nach Ebay aus.

Chuzpe und Cleverness

Herr Sprung ist begeistert, fühlt neue Jugend in sich und einigt sich in einem Anfall von seltener Chuzpe und Cleverness mit dem Anbieter (unter Daufoc@aol.com) auf 1500 Dollar. Ein Preis, der um 30 Prozent unter dem ersteigerten Ergebnis ist und weniger als die Hälfte des Neupreises für das Instrument ausmacht. Sprung wähnt sich als Kundiger, ja als Erneuerer der Gesetze des freien Marktes, formuliert im Geiste die Szene, wenn er die spottbillig erworbene Kostbarkeit den neidisch-staunenden Freunden und Saitenzupfern vorstellen würde. Er befolgt brav die vermeintlichen Ebay-Anweisungen und schickt per Western Union (WU) rund 1100 Euro an einen Herrn Brian Vokins nach London.

Banges Warten

Auf E-Mail-Fragen, wann und wie die Gitarre denn geschickt werde, wird ausweichend geantwortet. Da in den Pseudo-Ebay-Anweisungen geschrieben steht, der Verkäufer habe das Geld zu kriegen, bevor er binnen drei Tagen die Ware schickt, wird ein Scan der WU-Anweisung abgeschickt. Das Geld wird abgehoben, die Gitarre kommt nie an, die Adresse Daufoc@aol. com ist nicht mehr zu erreichen. Nachfragen bei WU ergeben: Die Summe wurde von Herrn Vokins (musste sich ausweisen!) behoben. Ansonsten: Wahnsinn, so ein Pech, das machen sie jetzt auch schon in England?

Ebay putzt sich auch erst total ab, da das Problem nicht bei einer normalen Auktion entstand. Auf dringendere Nachfrage lässt sich die Firma das Second Chance Offer schicken und identifiziert es als so genannte "Spoof Mail": Ein (computermäßig vifer) Betrüger hat sich Ebays Mäntelchen angezogen und zockt Kaufwillige ab. Das nehme überhand, lässt Ebay lapidar ausrichten. Was bleibt? Eine Anzeige bei der Polizei, Brian Vokins auf die Finger zu klopfen. Falls es ihn überhaupt gibt.

Sicherheitsmaßnahmen

Zwar annonciert Ebay auf seinen Kundenservice-Seiten alle erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen. Einer Warnung vor Spoof Mails freilich begegnete Sprung nie.

Wie zum Hohn kommt wenige Tage nach der Bestätigung der Beraubung über Internet die Einladung zur Ebay-University, der einzigartigen Gelegenheit, erfolgreich zu bieten und zu kaufen.

Noch am selben Tag mailt er an die Firma Lowden eine Anfrage, was eine neue Gitarre kosten würde. Schließlich sind Zurückweisungen Niederlagen auch Chancen, seine Liebe zu beweisen. (Johann Skocek/DER STANDARD, Printausgabe vom 3.3.2005)

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