Im Zentrum das Ich

16. März 2007, 12:25
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Ein Lokal, das lange Zeit der beste Venezianer Wiens war, versucht es jetzt als Bistro - das "Ego" am Rennweg

Wirklich kuschelig ist die Gegend um den Rennweg nicht wirklich, und wirklich hübsch war das Lokal, als Pablo Schmidt es vor ein paar Jahren übernahm und seine "Ostaria Venexiana Da Pablo" draus machte, auch nicht. Was dem Lokal aber schließlich nur zum Vorteil und zur gesteigerten Authentizität gereichte, wenn man an die Vorbilder etwa im Marktviertel Venedigs denkt. Bei Pablo aß man also wunderbar gebratene Calamari mit weißer Polenta und marinierte Zwiebel-Sardinen, trank dazu mehr oder weniger einfache Weine der Region und anschließend einen der besten Espressi der Stadt. Zumindest bis vor einem Jahr, da machte das "Pablo" nämlich zu.

Vor zwei Monaten machte es wieder auf, allerdings nicht mehr venezianisch, sondern als "Wein-Bistro" namens "Ego". Andreas Huber, der die vergangenen sechs Jahre einen Gasthof in Goldegg in Salzburg führte, übernahm die Liegenschaft, entfernte so ziemlich alles, was noch an die finstere, urige Osteria erinnerte (auch die Säule beim Stiegenaufgang), ersetzte es durch vergleichsweise indifferentes Interieur sowie etwas chaotische Beleuchtungs-Situationen und wagte das Experiment, in einer ohnehin nicht übermäßig stark frequentierten Lage eine Küche anzubieten, die in Wien bekanntermaßen nicht zu den allerbeliebtesten zählt: französische Bistro-Klassiker nämlich, wenngleich gut durchzogen von wienerischer und mediterraner Küche, für die übrigens Aloys M. Linner sorgt, der davor im "Amacord" kochte.

Als Gruß aus der Küche kommt da etwa ein Schüsselchen mit geschmortem Beinfleisch, das zweifellos hervorragend war (für jemanden, der ausdrücklich vegetarisch bestellt, allerdings ein wenig themenverfehlt), an Vorspeisen findet man auf der erfreulich übersichtlichen Karte zum Beispiel einen schönen Salat mit gebratenen Kirschtomaten und Artischocken (€ 6,70) oder ein halbes Dutzend Weinbergschnecken in einer freilich üppigen, aber wirklich äußerst gut abgestimmten Gorgonzola-Sauce, der ein nicht verbranntes Knoblauchbrot auch ganz gut zu Gesicht gestanden hätte (€ 7,10). Zum Klassiker der Karte dürfte sich auch schon die so genannte "Westküstensuppe St. Michel" entwickelt haben, die eine recht erfrischende und mit subtiler Schärfe ausgestattete, klare Fischsuppe ist, in der außer einem Fischschwanz und zwei kleinen Scheibchen Jacobsmuschel sonst hauptsächlich Gemüse wohnt (€ 4,90).

Die Pappardelle mit Zucchini und Knoblauch waren offensichtlich selbst gemacht (so dicke Nudeln sind sonst nämlich nicht handelsüblich) und so weit ganz ordentlich (€ 6,90), beim Fisch war die Sache ein wenig verwirrend, der steht nämlich als Lachsforellen-Filet auf der Karte, wurde dann zwischenzeitlich als Dorade angekündigt, um schließlich doch eine Rotbrasse zu sein. Die dafür im Ganzen (ein wenig trocken) gebraten, was für diesen Preis verdammt viel Fisch ist (€ 9,20).

Dem Untertitel "Wein-Bistro" wird man im "Ego" mit einer etwa 50 rein österreichische Positionen umfassenden Weinkarte gerecht, die allesamt so günstig kalkuliert sind, wie man das in Wien nur selten antrifft. Die Neuerfindung des Rades ist das "Ego" freilich nicht, aber im ersten Stock kann man hübsch sitzen, und um ein paar schöne Sachen auf der Karte zu finden, muss man auch nicht lange suchen. (Florian Holzer, DER STANDARD, rondo/04/03/2005)

Ego
Rennweg 11
1030 Wien
Tel. 718 01 10
Mo-Sa 10-24 Uhr
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