Weniger wäre fad

12. Mai 2005, 17:52
3 Postings

Sie sind reich, kauffreudig und unkompliziert: Die idealen Kundinnen der neuen Opulenz kommen mit Limousine und Chauffeur vorgefahren

Roberto Cavalli, der Modemacher aus Florenz, lässt sich nicht bitten, wenn es um spektakuläre Auftritte geht. Manche seiner Inszenierungen erinnern an schwüle Haremsfantasien vom Hofe des Perserkönigs Dareios, wie sie in Oliver Stones neuem Kino-Epos "Alexander" zu sehen sind. Cavallis Kreationen sorgen auf den Partys von Beverly Hills für Furore und begeistern auf den Bällen in St. Petersburg oder London.

Hahnenfedern umrahmen rotglänzende Satinabendkleider, goldene Paillettensonnen glitzern auf zyklamfarbenem Chiffon. Zobelnetze begleiten in Streifen geschnittene Landsknechtjacken mit goldenen Stickereien auf himmelblauem Samt. Funkelnder Strass ziert Lederhosen. Das teuerste Teil aber im VIP-Room der kürzlich eröffneten Pariser Cavalli-Boutique ist eine Zobeljacke mit üppigster Swarovski-Dekoration für 31.779 Euro. "Das kaufen nicht normale Kundinnen", räumt der Designer ein, "sondern Frauen, die von exklusiven Luxuskleidern fast besessen sind. Die Preise spielen dabei keine Rolle."

"Less is boring, more ist beautiful"

... lautet die Devise. War gestern noch Glamour angesagt, so steht nun die "neue Opulenz" auf dem Programm. Und die hat ihren Preis. Circa 30.000 Euro braucht man als "Sesam öffne dich", um in den VIP-Room von Domenico Dolce und Stefano Gabbana zu gelangen, in deren Geschäft auf Mailands feiner Via della Spiga. Denn so viel kosten die reich bestickten, mit funkelnden Steinen verzierten Abendroben, Unikate allesamt, die hinter Spiegeltüren auf eine zahlungskräftige, exklusive Klientel warten. Auch sie verhelfen Frauen zu Einzigartigkeit, machen aus ihnen kostbar schimmernde Luxus-Ikonen mit Seltenheitswert, denen der Globalisierungswahn nichts mehr anhaben kann.

Niemand hat dies klarer erkannt als Giorgio Armani, Er zeigte Ende Jänner unter dem Titel "Giorgio Armani Privé" eine "limited edition" ausgewählter Entwürfe bei den Haute-Couture-Schauen in Paris vor 300 geladenen Gästen. Nur handgearbeitete Sonderanfertigungen werden zu Preisen um die 50.000 Dollar verkauft.

"Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander", ließ sich Giuseppe Roma, Chef des italienischen Forschungsinstituts Censis, zu diesem Thema vernehmen. Der Wunsch nach Klassenunterschieden sei intensiver denn je. "Seit 2003 ist der Umsatz bei Juwelen und Luxusuhren um 35 Prozent gestiegen", fügt Roma seiner Analyse hinzu, die Ursache für diese Entwicklung sei im Ansteigen privater Vermögen zu suchen. So gebe es beispielsweise in China nun neun Prozent mehr Milliardäre als im Jahr zuvor. In Indien seien es vier Prozent, in Russland zwei. "Weltweit dürften in diesem Jahr fünf Prozent mehr Milliardäre hinzugekommen sein."

Dabei avancierten unter all den Superreichen die Ladys aus Moskau zu den erklärten Lieblingen der Modebranche. "Les Nouvelles Tsarines", taufte sie das Pariser Hochglanzmagazin L'Officiel und bescheinigte ihnen, dass sie heute für die Designer das wären, was die Japanerinnen in den 90er-Jahren waren. So kämen sie mit Chauffeur und Limousine vorgefahren, um mit fünf oder sechs Taschen in jeder Hand die Geschäfte wieder zu verlassen. Dabei hätten sie keine Ressentiments gegenüber üppigen Pelzen, schrillen Farben und kiloweise Schmuck an Hals und Handgelenken.

"Russinnen demonstrieren gerne, wie reich sie sind", wird Alexander Rymkevich zitiert, Moderedakteur der russischen Zeitschrift Fashion Collection, "also kopieren sie alles, was westliche Luxuslabels vorgeben." Das erklärt, warum die Moskauer Gucci-Filiale den zweithöchsten Umsatz im Unternehmen schreibt. Sind also die "neuen Zarinnen" schuld an jener "neuen Opulenz", die die Mode erfasst hat? Tatsache ist, dass die Nachfrage nach den ausgefallensten Entwürfen aus Mailand und Paris bei den Russinnen ebenso hoch im Kurs steht, wie niedrig deren Bedarf an russischer Mode zu sein scheint.

"Sie kaufen mit Versace, Cavalli oder Dior ihr Selbstwertgefühl ein",

... bemerkt dazu Igor Chapurin, das viel versprechendste Design-Talent der Moskauer Szene. Trotzdem will er mit seinen Entwürfen auch weiterhin an die Zeit vor dem Kommunismus anknüpfen, als die Pracht und Opulenz des Zarenhofes Russlands Ästhetik bestimmten. Zu derben, mit Metallapplikationen reich bestickten Stoffen ließ er sich sogar von Iwan dem Schrecklichen inspirieren.

Was ihn dabei am meisten amüsiert, ist der Umstand, dass Whitney Houston und die punkige Pop-Queen Pink Gefallen an seiner Mode fanden, als sie in Moskau weilten. "Obwohl beide sicher die Schränke voller Luxusklamotten von Nobellabels haben dürften, kauften sie. Denn sie wollten unbedingt etwas Russisches haben!"
(Der Standard/rondo/04/03/2005)

Von Peter Bäldle
  • VIP-Room der Dolce & Gabbana-Boutique in Mailand.
    foto: d & g

    VIP-Room der Dolce & Gabbana-Boutique in Mailand.

Share if you care.