Rose statt Hose

12. Mai 2005, 17:52
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Sind Blumendrucke cool? Beziehungsweise: Sehen Kleiderstoffe, die mit irgendetwas bedruckt wurden, gut aus oder albern?

Joachim Bessing sucht nach Antworten


Seit der vergangenen Frühjahrssaison treten die bedruckten Kleider gehäuft auf in den Defilees der verschiedensten Modeschöpfer. Man zeigt Abstraktes, Geometrisches, Muster, seit Neuestem auch Blumen. Mal wieder Blumen, wie man sagen muss, denn ganz neu (= cool) ist diese Neuigkeit natürlich nicht.

Schaut man zurück in der Geschichte der Mode, dann fällt auf, dass die bunt bedruckten Kleider zum letzten Mal vom Ende der Sechzigerjahre bis zur Mitte der Siebzigerjahre in Mode waren. Es war die bunteste Ära des zwanzigsten Jahrhunderts. Nicht nur in der Mode. In den westlichen Ländern war eine Protestbewegung junger Menschen entstanden. In bunt bedruckten Kleidern protestierten Yippies, Drifter, APOs und Hippies gegen die Welt der Anzugträger - Eltern, Kaufleute, Politiker, Militärs - alte Leute allesamt.

Bunte Kleider, bunte Stoffe, ja: Muster (orientalisch oder psychedelisch) signalisierten Freiheit, Unangepasstheit, zumindest Jugend. Und Jugend, das bedeutete damals und zum letzten Mal nicht problematisiert zu sein, sondern wie neu; unbelastet zu sein von den Fehlern der Eltern. Jugend im Geist der bunten Ära bedeutete: weiß sein, cool und blank.
Es wäre modisch, die Chronologie hiermit abzuschließen. Dann wäre die Rückkehr der bunt bedruckten Kleider als ein Comeback aus der bunten Ära zu sehen. Ein stilistischer Aufbruch in eine utopische Phase. Heraus aus einer Gegenwart, in der alte Leute und auch Anzugträger einmal wieder als problematisch empfunden werden.

Doch die Mode kennt ja überhaupt keine Gegenwart. Die Mode beschließt für Jahre im Voraus, wann in Zukunft ihre Gegenwart stattfinden wird. Die Mode will und soll auch keine Gesellschaftspolitik machen, und erst recht bietet sie keine Alternativen zum Bestehenden.

Dennoch besitzt die Mode eine Natur. Ihr Wesenszug ist steter Wandel, dadurch bringt sie den Zeitgeschmack hervor; idealerweise bringt ihn die Mode dabei noch auf den Punkt, dann sprechen die Modeforscher von einer interessanten Saison.

Eine solche interessante Saison liegt nun schon länger zurück

Da etwa, als Tom Ford mit seiner ersten Gucci-Kollektion große Aufmerksamkeit bekommen hatte, auch Helmut Lang ist es immer wieder gelungen. Beide Modeschöpfer haben sich mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen, ein jüngerer Hoffnungsträger, Hedi Slimane, hat gerade erst mit seinen neuesten Entwürfen für Dior Homme angedeutet, dass er sich bereits auf dem Rückzug befindet - derart unüberraschend und (in der Sprache der Mode) uninteressant war seine Interpretation des Glam-Rock-Schicks, dessen "Erfindung" noch keine zehn Jahre zurückliegt.

Es ist der Mode zum Fluch geworden, dass ihr Antriebsprinzip, nämlich das Begehren der Massen zu wecken, durch die industrielle Fertigung und den weltweiten Vertrieb tatsächlich und vollkommen gemacht werden kann. Walter Benjamin mag in seinem Aufsatz von dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit sich in vielem geirrt haben, was die bildende Kunst anbelangt; doch in den Angelegenheiten der Mode - für die er sich nicht interessierte - wiederum trifft heute beinahe alles zu: Das so zu nennende Vokabular der Mode - bestehend aus Schnitt und Stoff - ist seit Längerem schon ausgereizt.

Die mittlerweile entstandene Modeindustrie ist jedoch im Interesse ihres Fortbestehens darauf angewiesen, aus dem ausgereizten Vokabular Saison für Saison nochNeues zu formulieren. So kommt es dann zu steter Wiederkehr: Ob nun Farben (Gelb), Schnitte (Flares), Materialien (Pelz) oder eben Drucke - es kommt alles wieder und wieder und wieder und ist dennoch bloß, wie Gertrude Stein es in ihrem Gedicht von einer Rose schrieb: Eine Hose, die eine Hose ist, die eine Hose ist.


Wenn aber sich in Schnitt und bloßer Farbgebung nichts Neues (=Interessantes) mehr sagen lässt, dann hilft es nur noch, das schon ein, zweimal Dagewesene mit etwas zu überdrucken. Das Muster, die Rose, ist dann für die nächste Saison der Held und nicht die Hose; die Rose lädt die bereits ihres bekannten Schnittes wegen als uninteressant empfundene Hose auf mit einer neuen Bedeutung, lässt sie frisch wirken und - tatsächlich ein interessanter Effekt, der sich unseres exponierten Ortes über der Geschichte verdankt - als einen Wiedergänger einer Zeit, die es so noch nicht gegeben hatte.

Denn auch wenn man bei den Blumendrucken an die Siebzigerjahre denkt

... der Blumenkinder wegen, "Flower Power" et cetera - nur die wenigsten Kleidungsstücke dieser Ära waren doch mit Blumen bedruckt. Und in der Mode des Jugendstiles, der gemeinhin als die Boomzeit des Floralen und Faunischen bezeichnet werden kann, war die Textiltechnik noch nicht so weit, um Kleiderstoffe für die Masse mit Blumen bedrucken zu können. Die von Peter Behrens entworfenen "Reformkleider" waren mit ihren züngelnden Blütenranken bestickt.

Worauf also bezieht sich der aktuelle Trend zum Blumenstoff? Auf die Millefleurs-Motive des neunzehnten Jahrhunderts, diese vor Miniatur-Teeröschen nur so wimmelnden Stoffe und vor allem Tapeten, die auf der Kittelschürze unserer Großmütter, den Sarah-Kay-Tapeten unserer Klassenkameradinnen eine unschöne Wiederkehr feiern durften? Oder ist das Hawaii-Hemd die Mutter? Von Andy Warhol die "Flowers"?

Es ist noch einfacher, etwas schlimmer vielleicht auch: Es bleibt kaum etwas anderes übrig als Blumen. Denn schön soll es ja trotzdem sein. Was aber ist schön und gleichzeitig so bekannt, als Motiv derart fest in sämtlicher Ästhetika verankert, dass es sich auch weltweit zeigen und vertreiben lässt, ohne dabei seine Gestalt, nämlich die der Schönheit, zu verlieren? Und die Blume als Inbegriff der Schönheit wurzelt tief - absichtlich sei hier von keiner bestimmten Blumensorte gesprochen, sondern von ihrer nackten Erscheinung. So nennt die Bibel viele Male zwar die Blume, doch werden in dem gesamten Buche nur zwei ihrer Arten konkret benannt: die Rose und die Lilie. Diese macht Jesus Christus in Matthäus 6 Vers 28 zu den modischen Vorbildern, als er sagt, dass König Salomon in keinem seiner safrangelben Gewänder so herrlich gekleidet sei wie diese "Lilien auf dem Felde".

Lilien auf dem Felde? Mode ist heute wie damals eine Angelegenheit der Stadtmenschen. Nur wer von vielen angesehen wird, den kümmert es, wie sein Bild wirkt. Nun sind aber in der Stadt sowohl Lilien als auch Felder selten. In einem übertragenen, in dem Sinne der Modewelt bedeuten die konventionell Gekleideten, die grauen, senfgelb und schwarz Uniformierten das Felde. Der dazwischen mit auch nur einer lilienbedruckten Krawatte einhergeht, der kann sich als eine Lilie auf dem Felde betrachten lassen.

Die große Freiheit, inmitten deren Genuss wir uns heute alle mehr oder minder befinden, nämlich anziehen und tragen zu können, was und wie auch immer wir es wollen, diese Freiheit einer Gesellschaft bar jeder Konvention beschert uns darüber hinaus sogar das Recht, uns die natur-oder gottgegebene Schönheit der Blumen anzuverwandeln. Nicht allein zu unserem Schmuck, nein, es ist ja noch um vieles wagemutiger: um uns von den anderen, denen in den safrangelben Gewändern, zu unterscheiden. Vielleicht bedeutet das ja etwas. Wahrscheinlich aber finden wir es cool.
/Der Standard/rondo/04/03/2005)

Joachim Bessing ist Autor und lebt in Hannover, zuletzt erschien von ihm der Essay "Rettet die Familie" (List Verlag 2004).
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