Frühlingsbeschwörung im Steirereck

13. März 2005, 18:47
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Es war vorige Woche. Da war C. im Steirereck. C. war begeistert. Auch wegen dem Essen. Davon sprach sie einen Tag...

Es war vorige Woche. Da war C. im Steirereck. C. war begeistert. Auch wegen dem Essen. Davon sprach sie einen Tag. Aber von der Wasserwand erzählte C. länger. Tagelang. Und wenn man nicht aufpasst, nutzt sie auch jetzt noch jede Chance, von der Wasserwand zu reden. Vor allem seit es saukalt ist. Die Wasserwand ist im Steirereck. Im Keller. Wer im Nobelrestaurant aufs Klo will, geht einen Stock tiefer und landet in einer Halle, die durch einen dünnen, frei fallenden – in der Mitte geteilten - Wasserfall geteilt wird. Hinter dem Wasserfall geht es dann zu den Toiletten.

Rauschen

Der Wasserfall rauscht. Wäre das Steirereck nicht das Steirereck, scherzte bei der Eröffnung eine Kollegin, müsste man fürchten, dass irgendein dummes Mannsbild den Wasserfall für ein Designerpissoir halten könne. Wäre das Steirereck nicht das Steirereck, ätzte ein Kollege zurück, müsste man sich auch Sorgen machen, dass das Rauschen in der Warteschlange vor dem Damenklo zu Verzweiflung und Katastrophen führen könne. (Weil das Steirereck aber das Steirereck ist, gibt es keine Warteschlange.) C. war nicht bei der Eröffnung im Stadtpark. Die Wasserwand, erzählt sie, habe sie zunächst einfach als interessante Installation erlebt. Aber dann habe sie am Klo eine Bekannte getroffen. Und die habe sie zuerst eingeweiht und dann an der Hand genommen.

Wassersprung

Gemeinsam wären sie dann durch den hauchdünnen Wasservorhang gesprungen, behauptet C. Wie Kinder. Wenn man schnell sei, werde man kaum nass. Aber sogar dass, sagt C., hätte sie in Kauf genommen: Das Durchdenwasserschleierspringen, hatte die Bekannte nämlich erklärt, sei nämlich eine sommerliche Tat. Und wenn genug Leute durch den Vorhang sprängen, hatte die Bekannte behauptet, könne der Sommer bald gar nicht anders. Dann würde er den Frühling schicken. C. sagte, dass sie diese These wundervoll gefunden habe – und am Ende des Abends habe fast jeder an ihrem Tisch ein paar Wassertropfen auf Schultern oder Haaren gehabt.(3.3.2005)

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