Rock'n'Roll essen Seele auf

10. März 2005, 21:17
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Spartanische Songs im Zeichen von Drogenmissbrauch: Das Album "No Wow" vom Mann-Frau-Duo "The Kills"

"The Kills" sezieren den guten alten Rock'n'Roll einmal mehr bis auf seine blank liegenden Knochen.


Dreck ist jener Bestandteil im Rock'n'Roll, der während der letzten Jahre oft und gern vergessen wurde. Trotz Wiederbelebung von schlecht geerdeten Gitarren, unkontrolliertem Feedback-Pfeifen und gewaltbereiter Handhabung der Rhythmusinstrumente (was wurde eigentlich aus den wunderbar dumpfen US-Metzgergesellen-Bands Phünn Högg, Antiseen oder Poison Idea?!) klingen die derzeitigen Errungenschaften der Jugendkultur im Zeichen von Rock'n'Roll und seinen Folgen generell so, als ob hier deswegen kein Hund mehr hinter dem Ofen hervorkriechen wollen würde. Schon gar nicht, wenn die Jahres-Top-Ten der Alternative-Rock-Hitparaden altbekannten Drogenmissbrauch im dritten Jahrtausend nachstellen. The Kills, ein US-amerikanisch-britisches Mann-Frau-Duo verfolgt mit der aktuellen Single "The Good Ones" und seiner zeitlosen Sichtung chemischer Freizeitgestaltung ("Did you get the good ones, did you get the real good ones?!") zwar auch nicht ein Konzept, das dringlich auf dem Fundament der Moderne gebaut ist. Immerhin aber lassen sich hier doch trotz aller historischen Überlastung neue Nebenaspekte destillieren.

VV und Hotel, solche Künstlerpseudonyme müssen einem auch erst einmal einfallen, nagen den guten alten Rock'n'Roll nach ihrem fantastischem und absolut gleich gearteten Debüt "Keep On Your Mean Side" jetzt noch einmal ab - und zwar bis fast gar nichts mehr da ist, außer im Sonnenlicht ausbleichende Knochen, an denen manchmal noch vereinzelte Muskelfasern kleben.

Mit verwahrloster und brummelnder, knisternder und schlecht gestimmter, dafür aber umso mehr verzerrt auf den Grundakkorden gestrampfter E-Gitarre, einer primitiven Rhythmusbox aus den Vorzeiten von heutigen Drumcomputern und einem weiblichen Gesang, der zu den gequält aus der Rockgeschichte gestanzten Bluesrock-Riffs jene P.J. Harvey gibt, die es sich wegen ihrer über die Jahre zunehmenden Extrovertiertheit im Sinne von Patti Smith als laute Dulderin längst nicht mehr erlauben würde, so überzogen zu keifen, wird von The Kills auf diesem Album tatsächlich Bemerkenswertes geleistet. So simpel wie die Gitarrenriffs und Beatbox-Rhythmen im Viervierteltakt, so unkaputtbar auch die Songs im Generellen. Ausgehend von der Gewissheit, das wenn alles gesagt ist, grundsätzlich wieder alles möglich wird, werfen sich The Kills in nicht einmal einer Dreiviertelstunde im Schnellverfahren durch sämtliche möglichen Baukastensysteme des Rock'n'Roll der niederen Denkungsart. Historische Vorbilder wie The Cramps oder der mit dem Gun Club in den frühen 80er Jahren bekannt gemachte Blues-Punk lassen grüßen. Nur dass im Falle von The Kills nie auf bloßen atemlosen Riff-Reitereien verharrt wird, sondern auch als "britisches Element" der großzügig aufgespannten Gesangsmelodie breiter Raum gewährt wird.

Der ungezügelte Ausbruch, das wilde Anrennen gegen überkommene Vorbilder bleibt dem Duo allerdings letztlich doch versagt. Bei allem Wissen um die großen Alten gerinnt der bilderstürmerische wie bewahrende Ansatz der Kills im Gegensatz zu den zu Recht mehr beachteten White Stripes am Ende doch zaghafter als gewünscht. Was wäre nur aus diesem Album alles geworden, wenn hier statt der Antäuschung von Durchgeknalltheit tatsächlich ausgezuckt worden wäre!

Dennoch. Diese Songs erfüllen bei entsprechender Lautstärke abgehört durchaus jene Vorgaben, um die es in diesem Genre immer gegangen ist, beziehungsweise gehen wird: Die andere Seite kann man nicht erreichen, indem man an Türen klopft. Man muss diese eintreten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2005)

Von
Christian Schachinger
  • The Kills  No Wow (Edel)
    foto: edel

    The Kills
    No Wow
    (Edel)

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