"Was ist Performance?"

2. März 2005, 18:32
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Der dreitägige Kongress "Inventur: Tanz und Performance" im Tanzquartier Wien

Wien - In der Wirtschaft bedeutet "Performance" einen Gradmesser für Gewinnen oder Verlieren: Konzerne an der Börse, Politiker in den Medien und Jobsuchende beim Vorstellungsgespräch. Erfolgreich sein bedeutet hier, eine "gute Performance" hingelegt zu haben. In der Kunst dagegen ist Performance ein Schlüsselbegriff, der auf die Erweiterung von Möglichkeiten hinweist, Ideen zur Darstellung zu bringen, und die Grenzen zwischen Sparten wie "bildende Kunst", "Tanz" oder "Musik" aufzusprengen. Mehr noch: Über diesen Begriff haben Kunst und Wissenschaft, Kunsttheorie und künstlerische Praxis ganz neue Wege gegenseitiger Verständigung und Zusammenarbeit geschaffen.

Die neuesten Ergebnisse dieser Entwicklung laufen jedoch - wie die jüngsten Forschungen etwa in der Physik - unter der Rubrik "Dinge, die wir nicht verstehen" und drohen der Gesellschaft, in der sie entstehen, zu entgehen. Zum Nachteil für das gegenwärtige Kulturverständnis. Der dreitägige Kongress "Inventur: Tanz und Performance", der ab Donnerstag im Tanzquartier Wien stattfindet, arbeitet dem entgegen: Hier kann man sich über die aktuellsten künstlerischen Methoden und Denkrichtungen informieren.

Über 40 Vortragende, u. a. Jérôme Bel, Roger M. Buergel, Gabriele Brandstetter, Július Koller, Xavier Le Roy, Christine Peters, Emil Hrvatin, Bojana Cvejic und Rick Allsopp, treffen aufeinander und öffnen in elf Themen-Panels das Buch über Dinge, die die Kunst in nächster Zukunft bestimmen werden: neue Zusammenarbeitsmodelle, aktuelle Entwicklungen in der Theorie und Publikationspolitik - und natürlich die Frage: "Was ist Performance?"

Dynamiken

Die Kuratoren Martina Hochmuth, die den Researchbereich im Tanzquartier leitet, und Georg Schöllhammer, Herausgeber der Kunstzeitschrift 'springerin', destillierten die Themenfelder aus den während der vergangenen zehn Jahre zu beobachtenden Dynamiken in Choreografie, bildender Kunst, Tanz und Performance.

Schöllhammer: "Es geht uns um 'Inventur' im Doppelsinn von Erfindung und Bestandsaufnahme. Was ist künstlerisch in dieser Zeit passiert?"

Wie sehr hat sich das Verständnis von Kunst sowohl im Tanz als auch in der bildenden Kunst durch den Konzeptualismus seit der ersten Hälfte der 90er-Jahre verändert? Die Teilnehmer repräsentieren ein kulturgeografisches Netz, das sich zwischen Amsterdam und Sofia, Belgrad und Lissabon, Ljubljana und Wien, Zagreb und Brüssel spannt. Einmal mehr löst sich die Unterscheidung zwischen "Ost" und "West" im gesamteuropäischen Kontext auf.

Eine Besonderheit dabei ist die Konzentration auf europäische Diskurse - als Konsequenz der Tatsache, dass der europäische choreografische Konzeptualismus in den USA während der 90er nicht mitvollzogen wurde. Hochmuth: "Es geht nicht darum, einen Diskurs auszuklammern, sondern um das Aufgreifen von Diskussionen, die Schnittstellen, auch in der Fortführung konzeptueller Formate der bildenden Kunst, untersuchen. In vielen europäischen Städten haben sich während der 90er unabhängige Szenen entwickelt. Die maßgeblichen Leute aus diesen Szenen sind in Expertenkreisen ein Begriff, aber hier treffen sie erstmals aufeinander."

Mit dem Kongress ist auch ein Performanceabend verbunden. "Wir führen Jérôme Bels Stück Nom donné par l'auteur von 1993 wieder auf, das einen Anfang markiert, und zeigen: Hier hat sich viel geändert. Mittlerweile ist Bel ein Star. Das deutet darauf hin, wie sich die Wahrnehmungsgewohnheiten und der Anspruch an den Tanz geändert haben. Außerdem wollen wir die Schnittstellen zur bildenden Kunst zeigen." Und zwar mit Performances des slowakischen "Anti-Happening"-Künstlers Július Koller, des Polen Cezary Bodzianowski und von Maja Bajevic aus Bosnien-Herzegowina.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2005)

Von Helmut Ploebst
  • Jérôme Bel: "Nom donné par l'auteur"
    foto: tqw / © herman sorgeloos

    Jérôme Bel: "Nom donné par l'auteur"

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