Krähen im Winter

9. Juni 2006, 13:21
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"Wir sah'n, wir sah'n, was du nicht sahst", behauptet die Agentur Wagner Steinperl - Matthias Steinperl berichtet in einem Kommentar der anderen von der Gala des "Goldenen Hahnes 2005"

Ja, wir waren auch dort – im Magna Racino. Ja, wir haben auch wieder was gewonnen – einen Hahn in Silber. Ja, wir gehören dazu, zur "niederösterreichischen Werbeelite". Und ja, wir haben uns im ersten Moment auch darüber gefreut. Aber dennoch (oder gerade deswegen) ist es an der Zeit, die krähende Stimme gegen das Gekrächze zu erheben. Denn so wie man ihn behandelt, behandelt man einfach kein Lebewesen. Dem Hahn muss geholfen werden.

Er ist uns in den vielen Jahren des Zusammenlebens irgendwie an die Herzen gewachsen, der "Hans", wie wir ihn liebevoll nennen. Er wurde uns vielfach präsentiert und überreicht. Und wir haben uns oft bemüht, ihn mit Anmerkungen und Anregungen ins rechte Licht zu rücken. Aber heuer konnte er einem wirklich Leid tun.

Selbst ist der Mann

Da lädt sein Züchter, die Fachgruppe Werbung der Wirtschaftskammer NÖ, zu seiner Verleihung in den Circus Maximus der Neuzeit und das Erste, was diesem einfällt, ist ein einstündiger Schwall an Funktionärsreden zu Themen, die die Werbewelt bewegen. Angeblich. Was folgt, ist die (von Peter Rapp über weite Strecken originell moderierte) Preisverteilung. Und siehe da, das Microcar erklimmt zum wiederholten Male den Niederösterreichsichen Werbeolymp. Anerkennung (mehrfach) für Prof. Kesslers Agentur. Professor Kessler? Das war doch der – ja – der Chefzüchter des Hahnes und Fachgruppenkammervorsteher selbst, der sich hier quasi wieder selbst die Hände schüttelt und gerührt fürs Siegerfoto posiert! Gratulation! Dann Kreativität. "Kommen Sie auch gleich rauf!", erschallt es aus dem Hähnestall. "Und Sie auch gleich!". Gedränge auf der Bühne. Die Gewinner, einmal im Rampenlicht, müssen sich selbiges mit anderen teilen. Zur Überraschung aller darf sich auch das Magna Racino mit des Hahnes Federn schmücken. Fürs Logo. Logo. So wie eine Kammerwebsite. Erschaffen? Vom Professor. Irgendwann dürfen wir auch rauf. Schnell die Auszeichnung für "Direktmarketing" abgeholt (übrigens als Gesamtauftritt eingereicht) und gleich rüber zum Fotoshooting. Nicht einmal unser Brieflos dürfen wir bei Herrn Rapp persönlich abgeben.

Dann der große Moment: Gold droht. And the Gewinner is: Eine Bühnenshow für die Feuerwehr(!), unterstrichen durch ein Online-Publikumsvoting (Agenturen haben nur wenige votende Mitglieder). Was das mit Werbung zu tun hat? Die Antwort auf diese Frage hütet der Professor und seine Jury, die Meister der Vermischung von Äpfeln, Birnen und Kategorien. Nichts gegen die Feuerwehr und ihre Show – aber was kommt danach? Ein Preis für die Gestaltung des Polizeifuhrparks?

Gratis & umsonst

Wer glaubt, das war's gewesen, irrt. Oberwerbekammerscheffe Ruttinger betritt das Rampenlicht. Ganz alleine zu Beginn. Und er spricht, referiert, ja kämpft förmlich zum Thema Kammerwahlen. Fehl am Platz? Aber wo! Er macht ja Werbung, um Stimmen, und droht mit seinem Abgang, wenn seine Fraktion nicht soundsoviele Stimmen von uns Freiwilligen bekommt. Eine Wahlveranstaltung ist das also. Deshalb vielleicht auch der festliche Rahmen im Racino nach den biederen Vorjahren und Vormittagen im Landhaus. Dann wird es noch einmal so richtig akademisch. Schon wieder der Professor. Auf die Bühne mit ihm, wir haben ja plötzlich Zeit. Eine Ehrung für seine Verdienste (zweideutig?) überreicht, eine alte Flasche Wein gibts auch dazu. Dann der Befreiungsschlag. Das Buffet sei eröffnet. Bis 22 Uhr alles gratis! Hurra! Und wer noch nicht genug angegessen ist, nimmt zumindest jetzt den Mund ziemlich voll. Musikalisch niveauvoll und branchengemäß untermalt wird der "gesellige Teil" von? Nein, nicht vom Professor. Von den Stehaufmandl'n, der (laut Presse) "absoluten Nummer 1 im Heurigenkabarett". Zünftiges für die Elite der Zunft. Na bravo.

Fazit

Wir Kreativen wurden als Aufputz missbraucht, zu einer Wahlveranstaltung geladen. Und es war herzlich egal, was wir, die "Werbeelite des Landes" leisten, jeden Tag. In Kategorien reichen wir ein, in einer Kategorie gewinnen wir – Erkenntnis. Und jetzt? Alle frustrierten Gewinner zum Therapiegespräch laden? Zum Boykott aufrufen? Oder doch dem Hahn einfach helfen? Vielleicht fragt man uns ja einmal. Denn dem Hahn kann geholfen werden.

Ein Kommentar der anderen von Matthias Steinperl.

Nachlese

Feuerwehrshow erhielt niederösterreichischen Landespreis für Werbung

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Wagner Steinperl

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