Würdigung eines "verdrängten" Architekten

7. März 2005, 20:06
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Das Architekturzentrum Wien zeigt Ottokar Uhl als einst "einzig intellektuellen Architekten Österreichs"

Wien - Einem "vergessenen" Österreicher ist eine bis Juni laufende Schau im Architekturzentrum Wien (Az W) gewidmet: "Ottokar Uhl. Nach allen Regeln der Architektur", die Hausherr Dietmar Steiner am Mittwoch bei einer Pressekonferenz präsentierte. "Eigentlich wäre 'verdrängt' der bessere Ausdruck", so Steiner. Uhl (geboren 1931) ist vor allem durch seine Kirchenbauten der sechziger Jahre und durch forciert partizipatorische Wohnbauprojekte ein Begriff. Die Ausstellung zeigt Grundrisse, Pläne, Fotografien so wie den Computer aus den achtziger Jahren, mit dem der elektronisch avancierte Uhl sogar ein Programm zur architektonischen Planung schrieb.

Strukturfragen der Architektur

"Er ist der einzige intellektuelle Architekt Österreichs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts", meinte Steiner weiters. In der "in Österreich traditionell antiintellektuellen Architekturszene" sei jemand wie Uhl geradezu so etwas wie "ein Vorwurf" gewesen. Auch für Steiner selbst sei die wissenschaftliche Aufarbeitung von Uhls Werk, das im Rahmen eines Archivs dem Az W seit 2001 zur Verfügung steht, voller Überraschungen gewesen. "Da glaubt man ihn zu kennen, aber ich hatte schon vergessen, wie früh er Strukturfragen der Architektur gestellt hat", so der Az W-Leiter.

Der augenblicklich herrschende Architektur-Boom freue Steiner zwar: "Architektur ist heute ein Thema geworden für Politiker und Entscheidungsträger". Zwar fühle er sich durchaus wohl in dieser Situation, "aber man kommt kaum noch dazu, diese Erfolgsgeschichte zu hinterfragen", befand Steiner. Daher passe eine Beschäftigung mit Uhl gut in diese "architektureuphorische Zeit", in der es wieder mehr um die Dekoration von Verhältnissen zu gehen scheine, die gesellschaftlich anderswo entschieden würden. Uhl dagegen forderte schon früh ein "vernünftiges Bauen", das nachvollziehbare, transparente und demokratische Strukturen aufweisen solle.

Trend zur Mobilität

Der in Wolfsberg, Kärnten, gebürtige Uhl studierte 1950-53 an der Meisterschule von Lois Welzenbacher an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, und orientierte sich außerdem am Vorbild Konrad Wachsmann. In den sechziger Jahren baute und entwarf Uhl im Milieu des liberalen Katholizismus Kirchen und Kapellen, wie die demontable Kirche - mit dem er "einem verstärkten Trend zur Mobilität innerhalb der modernen Gesellschaft Rechnung tragen" wollte (Katalog) - in der Wiener Siemensstraße oder die Studentenkapelle Ebendorferstraße. Uhl war davon überzeugt, dass weniger die Bauten, als die Baubedingungen verbessert werden müssten.

Bedeutsam auch sein Bekenntnis zur Partizipation im Wohnbau, wobei er eine "Versachlichung der Planung" als grundlegend ansah. Erforderlich sei ein rationaler Entwurf, der flexibel genug wäre, um Komplexitäten und Widersprüche des Lebens aufzunehmen. Realisieren konnte er diese Haltung, die er in der "S.A.R.Methode" zusammen fasste, u. a. im Haus in der Wiener Fesstgasse oder das Haus "Wohnen mit Kindern" in Floridsdorf.

Kein Blockbuster

Im Unterschied zu anderen Architekten versuchte Uhl, seine Arbeit auch theoretisch zu reflektieren und nachvollziehbar zu machen. So forderte er auch die Entwicklung einer demokratischen Ästhetik. Uhl im Zitat: "Anstelle der Spitzenleistung einzelner Ästhetikfachleute für wenige Privilegierte ist eine reduzierte ästhetische Leistung Vieler zu fordern."

Ein umfangreiches Rahmenprogramm im Az W bietet weitere Möglichkeiten, das Werk von Uhl kennen zu lernen, der 1963 den Österreichischen Staatspreis für Architektur erhielt. "Natürlich ist die Schau kein Blockbuster, aber ich meine, sie lohnt sich, um zu sehen, dass man früher Architektur auch als Ergebnis eines sozialen Prozesses denken konnte", so Steiner. (APA)

Service

"Ottokar Uhl. Nach allen Regeln der Architektur"

3.3. bis 13.6.,

10 - 19 Uhr,
Mi 10 - 21 Uhr

Link

azw.at

  • Stahlbeton- Fertigteile transparent gemacht: 
Wohnanlage "Wohnen Morgen" in Hollabrunn (1971-76)
    foto: azw/johann klinger

    Stahlbeton- Fertigteile transparent gemacht: Wohnanlage "Wohnen Morgen" in Hollabrunn (1971-76)

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