Eine Bombe, die keine ist

10. März 2005, 21:20
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Der in Wien lebende Vorarlberger Jürgen Benvenuti präsentiert mit "Kolibri" seinen bislang ambitioniertesten und kunstvollsten Roman - und keinen Mord

Wien - Welcher Krimiboom? Jürgen Benvenuti schreibt seit einem guten Jahrzehnt Krimis, dazwischen liest er Krimis und verfasst Krimirezensionen. Dem aktuellen Hype um "sein" Genre betrachtet er dennoch mit gesunder Skepsis. "Vieles von dem, was bei uns als Krimi verkauft wird, ist in Amerika ein ganz normaler New York Times-Bestseller, wo ,a novel' drunter steht", sagt der in Wien lebende Vorarlberger.

"Die Verlage bei uns haben den Krimi einfach als Schublade entdeckt. Alles, wo man nicht gleich einschläft, ist da schon ein Krimi." Bei Benvenuti gibt es kein Einschlafen. Der 33-Jährige will gelesen werden, und so schreibt er auch. Dass er als Autor bislang unter Wert geschlagen wurde, weil seinem Genre in der Literaturwelt immer noch ein diffuser Makel anhaftet, nimmt er mit einem Schulterzucken: "Ich sehe das inzwischen fast positiv. Als Krimiautor habe ich von Haus aus den Vorteil, dass mich jeder unterschätzt. Fakt ist allerdings, dass es sehr viele Krimiautoren gibt, die bessere Schriftsteller sind als solche, die Literatur schreiben. Und die Zahl der Leute, die ein Buch von mir anfangen und nicht zu Ende lesen, ist sicher geringer als bei hochliterarischen Sachen. Das ist mein Trost."

Kolportage und Trash

Neun Romane lang bewegt sich Benvenuti nun schon geschickt zwischen Kolportage und Literatur, zwischen schriller Trash-Unterhaltung und einem feinen Gespür für Figurenpsychologie. Seine Autorenkarriere verlief dennoch sprunghaft. Aktuell ist er nach einer halben Odyssee durch die Verlagswelt, die einst bei Deuticke begann, nach Zwischenstationen bei deutschen Taschenbuchverlagen mit Haymon wieder bei einem österreichischen Verlag und einem Hardcoverbuch gelandet.

"Die haben noch einen Lektor, der wirklich lektoriert", schwärmt er. "Mit dem kann man noch eine Stunde, bevor das Buch in Druck geht, fünf Minuten darüber diskutieren, ob es auf Seite 124 ,Brett' oder ,Sims' heißen muss. So etwas gibt es heute nur mehr ganz selten. Bei Bastei zum Beispiel waren die Leute zwar extrem professionell, aber der Lektor war dort gleichzeitig Marketingberater."

Eigener Rhythmus

Benvenuti will sich aber nicht beraten und beschränken lassen. Jedes seiner Bücher gehorcht einem eigenen Rhythmus, der sich aus dem Stoff und den Figuren ergibt. In Kolibri, seinem neunten und bislang facettenreichsten Roman, wagt sich der Autor dabei so weit wie noch nie aus der Krimiecke hervor. Kein einziger Mord findet hier statt, stattdessen macht sich streckenweise ein regelrecht zärtlicher, märchenhafter Ton breit.

Von Krimimüdigkeit will Benvenuti dennoch nichts wissen: "Wenn in einer Geschichte kein Platz ist für Leichen, warum soll ich dann welche reinpacken?" An sich hatte er Kolibri zwar als Actionreißer mit vielen Bomben geplant, beim Ausarbeiten entwickelte sich die Geschichte um einen jungen Mann mit grünen Idealen, der durch Zufall den dubiosen Machenschaften in einer angeblichen Naturkosmetikfirma auf die Schliche kommt, jedoch in eine ganz andere Richtung: "Ich bin draufgekommen, dass mich diese Hauptfigur Karl Michael Baumgartner viel mehr interessiert, als was da jetzt in die Luft fliegt." Und so verzichtete Benvenuti schließlich ganz auf Bomben, übte sich stattdessen in der Erschaffung komplexer Figuren. Wobei die feine Klinge nach wie vor seine Sache nicht ist: "Meine Figuren sollen ruhig unrund sein. Wenn ich drei Leuten Kolibri zu lesen gebe, findet wahrscheinlich einer die junge Fernsehjournalistin super, der nächste findet sie na ja, und der dritte extrem unsympathisch. So soll es sein. Wenn sich die Leute beim Lesen über eine Figur aufregen, dann ist mir was gelungen."

Verfilmbar?

Ein liebenswerter Antiheld, krumme Touren in der Biobranche, Einblicke in den Fernsehalltag - Kolibri würde bestimmt auch als Film gute Figur machen. Ein dahin gehender Vorschlag des Autors wurde allerdings bereits abgelehnt. "Der Hauptkritikpunkt des Filmtypen war, dass es die Bombe nicht gibt", schmunzelt Benvenuti. "Ich habe gesagt, das sei ja der Clou. Da hat der nur gemeint, das sei fürs Fernsehen viel zu psychologisch. Wenn man im Fernsehen sagt, es gibt eine Bombe, dann muss es am Ende auch eine Bombe geben, sonst sind alle angefressen. Im Endeffekt ist das nicht meine Welt."

Auch privat zieht der Autor das Krimilesen dem Krimischauen vor: "Allein, wie die Leute in deutschen Krimis reden - das ist alles so behäbig, ich halt das echt nicht aus."

Fliegende Fetzen

Und so sollte man wegen Kolibri nicht vorschnell darauf schließen, dass der härteste und schnellste Krimiautor des Landes mit den Jahren weich und langsam wird: "In dem Buch, das ich jetzt gerade schreibe, fliegen auf den ersten dreißig Seiten mehr Fetzen als sonst in ganzen Romanen." (Sebastian Fasthuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 3. 2005)

Jürgen Benvenuti: "Kolibri". 20,50 Euro/359 Seiten, Haymon, Innsbruck 2005.

Der Autor liest am Mittwoch ab 19 Uhr in der Alten Schmiede in Wien, 1., Schönlaterngasse 9, aus seinem Roman.
  • Jürgen Benvenuti
    foto: standard/andy urban

    Jürgen Benvenuti

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