Überbuchte Carmen

2. März 2005, 20:29
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W. hatte eine Kaufkarte. Eine ganz normale. Doch als W. ankam, wo sein Platz hätte sein sollen, war da kein Sitz...

Es war am Sonntag. Da war W. in der Volksoper. Man gab Carmen. In der Nachmittagsvorstellung. W musste hin: Ein Kind aus dem Familienkreis sang im Chor – und irgendwann waren alle Ausreden aufgebraucht. Aber darum, dass W. nachher wusste, dass alles, was er davor als Volksopern-Vorurteil mit sich herumgetragen hatte, stimmt, soll es hier nicht gehen.

W. hatte ein Kaufkarte. Eine ganz normale. Der Billeteur sagte irgendwas von dort links hinten und deutete in die Richtung. Doch als W. ankam, wo sein Platz hätte sein sollen, war da kein Sitz. W. fragte einen anderen Billeteur. Auch der wies dorthin, wo nach allen Regeln der Sitzplatzlogik der Platz, auf den W. gebucht war, sein müssen hätte – aber nicht war: Ein paar Löcher im Boden erinnerten daran, dass hier einmal eine Theatersitzreihe gewesen war.

Rollstuhlplätze

Noch als sich W. wunderte kam eine Dame, die einen Rollstuhl schob. Sie stellte den Rollstuhl dort ab, wo W.s Platz gewesen wäre – und verschwand. Dann kam sie – mit dem nächsten Rollstuhl – wieder. Dann kam der nächste Rollstuhl. W. plagte sofort das schlechte Gewissen: Sich aufzuplustern, weil Rollstuhlfahrer – es handelte sich um eine Gruppe aus einem Pflegeheim - Platz beanspruchten, wäre ziemlich kleinlich. Bloß: Er hatte halt auch ein gültiges Ticket in der Hand. Und wenn die Volksoper wie eine Billigairline Plätze doppelt verkauft, dachte W., könne es nicht Sache der Besucher sein, das untereinander auszumachen. W. wandte sich an den nächststehenden Billeteur.

Unzuständig

Der Mann war höflich. Er runzelte die Stirn. Er bedauerte – und erklärte, nicht zuständig zu sein: Die Kartenabreisserei sei von der Volksoper ausgelagert worden. Er sei also kein Volksopernmitarbeiter, sondern Leiharbeiter. Job und seine Zuständigkeit beschränkten sich darauf, Tickets abzureissen, Plätze anzuweisen und Programmhefte zu verkaufen. Problemlösungskompetenz – insbesondere für Probleme, die sein Auftraggeber verursacht habe, bedauerte der Mietmann, besäße er definitiv keine: W. müsse sich an die dafür Zuständigen der Volksoper wenden. Dafür, dass die am Sonntagnachmittag nicht im Hause seien, sei er aber auch nicht verantwortlich.

W. blieb standhaft. Und vor allem in der Tür stehen. Nach nicht einmal einer Viertelstunde überschritt dann einer der Mietlinge seine Kompetenzen – und improvisierte: Man holte einen Bürosessel und stellt ihn hinter die Rollstuhlfahrer. W. nahm Platz. Dann wurde Bizet zu Brei püriert.

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