"Das System leistet Widerstand"

4. Juli 2005, 11:26
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Wie bekommt man "leiwande" Schulen? Sicher nicht durch "angebliche Experten", sagt Josef Hader im STANDARD-Interview

Standard: Ihr Berufswunsch war früher Journalist?

Hader: Eine Zeit lang. Aber ich habe mir dann gedacht, es dauert mir zu lang, bis ich als Journalist frei arbeiten kann, und wollte Lehrer werden. Da kann ich von Anfang an frei arbeiten und mit den Schülern Theater machen. Mit dem Kabarett habe ich auch in der Schule begonnen. Vor Schülern über Lehrer oder über die Schule. So erfolgreich ist man nie wieder in seinem Leben.

STANDARD: Theater kann auch ein guter Zugang sein, beispielsweise zu Deutsch . . .

Hader: Ja. Oder eben, wie wir das mit den Kabarettnummern über das Leben in der Schule gemacht haben. Die Schule hat dieses Engagement sehr geschätzt, dass da jemand Texte schreibt und spielt. Dadurch haben wir sehr offen sagen können, was uns nicht passt und sind dafür auch noch gelobt worden. Es ist immer honoriert worden, dass wir offen waren. Das war eigentlich das Wichtigste, was ich aus der Schule mitgenommen habe. Das war eine sehr gute Erfahrung.

STANDARD: Wird in der Kunst Kritik an Politik und Gesellschaft leichter verziehen?

Hader: Wenn etwas in der Kultur passiert, wird damit behutsamer umgegangen als außerhalb. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob man genauso ernst genommen wird. Letztendlich passiert alles, was Kunst ist, in einem Bereich, der so ein bisschen unter einer Glasglocke ist. Man tut ihnen nichts, aber man lässt sie auch nicht wirklich heraus. Es gibt viele Dinge, die zuerst in der Kunst gedacht worden sind und jetzt denkt sie jeder. Manche Gedanken schaffen es wirklich in die Gesellschaft.

STANDARD: Zurück zur Schule: Sie waren von Ihrer Schule begeistert - wie organisiert man eine gute Schule?

Hader: Kinder sind in ihrer Entwicklung völlig verschieden, daher erscheint mir der Gedanke logisch, dass es viele Einsteigmöglichkeiten geben muss und nicht schon früh eine Sortierung in Begabungen erfolgen soll. Da finde ich ein Gesamtsystem sinnvoller - wenn man es lässt wie bisher, muss man mehr Umstiegsmöglichkeiten schaffen. Außerdem ist individuelle Förderung notwendig, um Defizite auszugleichen.

STANDARD: Wie könnte man das umsetzen?

Hader: Es wäre hilfreich, wenn man das Thema Schule aus der Parteipolitik herausnehmen und kompetenten Leuten überlassen könnte - nicht den Denkern von den Parteirichtungen, die dafür bezahlt werden, dass sie angeblich Experten sind, aber in Wirklichkeit die Linie verfolgen, die ideologisch zu ihrer Partei passt. Die Schule ist ein schwieriges Problem. Es gibt Direktoren und Lehrer, die mit einem Rieseneinsatz viel möglich machen. Von diesen Einzelpersönlichkeiten sollte man lernen.

STANDARD: Es hängt viel von der Motivation der Lehrer ab . . .

Hader: Ja, es gibt auch durchaus motivierte Lehrer in Österreich, aber das System unterstützt sie nicht, sondern leistet Widerstand. Es wurden so viele Stunden gestrichen, die Lehrer müssten viel Arbeitszeit aufbringen, für die sie nicht bezahlt werden. Dieses Grundsystem müsste modifiziert werden. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Anerkennung und Aufstiegsmöglichkeiten. Je mehr leiwande Lehrer die Chance haben, Direktoren zu werden, desto leiwander können auch wieder Schulen werden. Aber die idealistischeren Lehrer sind nicht so gut zu lenken. . . Deshalb werden auch meistens solche Leute Direktoren, die brav funktionieren.

STANDARD: Ist dann dieser Reformdialog ernst zu nehmen?

Hader: Man kann ja mal abwarten. Ich will der Politik nicht absprechen, dass sie nicht bemüht ist. Vielleicht ist die Gesamtschule bis 14 wirklich die richtige Lösung, weil dann ist zumindest gesichert, dass alle gleich gefördert werden und man hat schon eine andere Ausgangsbasis.

(DER STANDARD, Printausgabe, 1.3.2005)

Zur Person: Josef Hader (geb. 1962 in Oberösterreich) besuchte das Stiftsgymnasium in Melk. Vor seinen Erfolgen im Kabarett studierte er Lehramt Geschichte und Deutsch. Sein aktuelles Programm: "Hader muss weg".
  • Wäre er Lehrer geworden, wäre Pisa anders ausgefallen: Josef Hader übte in seiner Schulzeit mit ersten Kabarettnummern Kritik an Lehrern - und wurde von ihnen dafür auch noch gelobt.
    foto: standard/urban

    Wäre er Lehrer geworden, wäre Pisa anders ausgefallen: Josef Hader übte in seiner Schulzeit mit ersten Kabarettnummern Kritik an Lehrern - und wurde von ihnen dafür auch noch gelobt.

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