Überstunden sollen bei Kollektivvertrags-Verhandlungen fallen

14. März 2005, 15:17
40 Postings

Auf ein Gesetz zur Einführung flexiblerer Arbeitszeiten will man nach Möglichkeit verzichten, dafür soll Druck auf die Kollektivvertragspartner erhöht werden

Wien - Der Aufschrei gegen den Inhalt des am Wochenende bekannt gewordenen Gesetzesentwurfs zur Flexibilisierung der Arbeitszeit von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung (IV) zeigt Wirkung.

Vor Beginn eines Arbeitszeitgipfels im Büro von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein am Montagnachmittag haben sich dem Vernehmen nach Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl und Gewerkschaftschef Fritz Verzetnitsch auf "wichtige Eckpunkte" geeinigt.

Keine gesetzliche Regelung

Demnach soll - vorerst - auf eine gesetzliche Regelung verzichtet werden. Stattdessen wollen Leitl und Verzetnitsch "präsidentiellen Druck" auf die Kollektivvertragspartner ausüben, bei den Lohn- und Gehaltsverhandlungen auch in Branchen mehr Flexibilität zuzulassen, wo dies bisher nicht oder nur eingeschränkt der Fall war.

In den Sparten Chemie und Druck/Papier fallen demnach am meisten teure Überstunden an, die man durch Verlängerung der täglichen Normalarbeitszeit von acht auf zehn Stunden wegbekommen möchte.

Außerdem will die Wirtschaft eine tägliche Höchstarbeitszeit von zwölf Stunden verankert wissen bei einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 60 Stunden und einem Durchrechnungszeitraum von mindestens einem Jahr.

Vorbild Metallindustrie

Präsident Leitl sagte bereits vor dem Arbeitszeitgipfel Montagnachmittag: "Wir werden nun ein Prozedere festlegen, das zum Ziel führt." Als Vorbild gilt die Metallindustrie, die rund 160.000 Mitarbeiter beschäftigt. Im Rahmen des Kollektivvertrags (KV) wird 38,5 Stunden pro Woche gearbeitet, möglich sind aber bis zu 45 Stunden.

Ab der 40. Stunde fällt pro Stunde eine Viertelstunde an Zeitguthaben an. Das Guthaben kann dann innerhalb von 52 Wochen als Freizeitblock konsumiert werden. Bezahlte Zuschläge gibt es in der Metallbranche ab der 46. Stunde.

Insgesamt schlagen die Überstunden in Österreich pro Jahr mit rund einer Milliarde Euro zu Buche, etwa 620.000 Unselbstständige machen regelmäßig Überstunden. Der Dritte Nationalratspräsident Thomas Prinzhorn regte an, den Produktivitätsgewinn zwischen Unternehmen und Mitarbeitern "fifty-fifty" zu teilen. Ob durch Gewinnbeteiligungen, Prämien oder Zuschüssen zur Weiterbildung sei eine Detailfrage. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.03.2005)

  • Bemüht, die Wogen in der Arbeitszeitdiskussion zu glätten: Minister Martin Bartenstein (li.), Kammerpräsident Christoph Leitl (von hinten) und ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch.
    foto: der standard/christian fischer

    Bemüht, die Wogen in der Arbeitszeitdiskussion zu glätten: Minister Martin Bartenstein (li.), Kammerpräsident Christoph Leitl (von hinten) und ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch.

Share if you care.