dieStandard.at ist fünf. Wirklich? Erst?

7. März 2005, 09:47
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Gescheit, sachlich und fundiert wird hier ergänzt, was die Etablierten meist unterschlagen, aussparen, nicht als wichtig (an)erkennen, findet Elfriede Hammerl

Wie haben wir es vorher ohne sie ausgehalten? Doch, ja, ganz ehrlich: Wie? Ich brauche meine tägliche Dosis dieStandard.at aus zwei Gründen: erstens wegen der Infos und zweitens zum Trost. Zugegeben, was berichtet wird, ist großteils nicht wirklich tröstlich, aber dass über all das berichtet wird und wie berichtet wird, schon.

Ich lese dieStandard.at und bin erleichtert, dass ich nicht allein bin, mit meiner Sicht auf die Welt, meinen Einwänden, meinem Unbehagen, meinem Zorn, manchmal auch mit meiner Freude. Als ich anfing, die Gender-Problematik in einer österreichischen Zeitung (dem "Kurier") zu thematisieren, gab's das Wort Gender noch gar nicht im deutschen Sprachgebrauch, und allein die Tatsache, dass eine Frauenkolumne nicht um die Frage kreiste, wie SIE IHN unter Aufbietung aller Schmink- und Haushaltskünste an der Angel hält, war empörend revolutionär.

Konsum etablierter Medien ist mit Frust verbunden

Seither hat sich viel getan, keine Frage. Frauennetzwerke sind entstanden, auch im Journalismus, und natürlich weiß ich mittlerweile, dass ich weder allein bin mit meiner Weltsicht, noch die Einzige, die feministische Kommentare schreibt. Trotzdem. Der Konsum der etablierten Medien ist über weite Strecken mit Frust verbunden, haben sie doch den Post-Post-Postfeminismus ausgerufen, ohne sich mit dem Feminismus auch nur andeutungsweise auseinander zu setzen. Und dass es Gender-Mainstreaming inzwischen gar zu einer EU-Richtlinie gebracht hat, zieht leider das Missverständnis nach sich, es gelte jetzt endlich wieder das Schicksal der "armen Männer" zu besingen – als wäre die Dominanz männlicher Interessen jemals ernsthaft bedroht gewesen. Dass auch Kolleginnen eifrig mitbasteln an der Legende von den feministischen Tretminen, die das Geschlechterverhältnis bedrohen, macht das Zeitunglesen nicht gerade erfreulicher.

Manche, nein, viele Postings sind schwer auszuhaltender Tobak

Aber dieStandard.at! Eine Wohltat. Gescheit, sachlich und fundiert wird hier ergänzt, was die Etablierten meist unterschlagen, aussparen, nicht als wichtig (an)erkennen: wie sich eine immer noch patriarchale Gesellschaftsordnung auf Frauen auswirkt, weltweit und nah. Nah ist insofern besonders verdienstvoll, als es den meisten Blättern noch vergleichsweise leicht fällt, massive Diskriminierungen irgendwo weit weg anzuprangern, während das Kehren vor der eigenen Tür als kleinliche Erbsenzählerei abgelehnt wird. Doch auch der ganz alltägliche Sexismus hier zu Lande macht Frauen erheblich zu schaffen, umso mehr, je beharrlicher man ihn leugnet. Apropos Sexismus: Manche, nein, viele Postings sind schwer auszuhaltender Tobak, Frauenverachtung pur – aber sie bleiben nicht unwidersprochen, und der Widerspruch ist oft wunderbar pointiert.

Auseinandersetzungen, die hoffentlich aufklärerische Früchte tragen

Auch das sind Auseinandersetzungen, die hoffentlich aufklärerische Früchte tragen. Bleibt die Gefahr, dass jemand daherkommt und die Totschlagvokabel Getto strapaziert. Ja und? Die Notwendigkeit deklarierter Schutzzonen spricht nie gegen das zu Schützende – diesfalls die Saat der Gender-Gerechtigkeit, – sondern nur gegen diejenigen, die es anderswo nicht zulassen. Möge also dieStandard.at blühen, gedeihen und sich ausbreiten. Das wäre Gender-Mainstreaming at it's best: dieStandard und derStandard im Gleichgewicht und gleich gewichtig. (Elfriede Hammerl)

  • 8. März 2001: dieStandard.at feiert ihren ersten Geburtstag. Alice
Schwarzer, Barbara Prammer, Marlene Streeruwitz und Oscar
Bronner am Fest.
    foto: standard/regine hendrich
    8. März 2001: dieStandard.at feiert ihren ersten Geburtstag. Alice Schwarzer, Barbara Prammer, Marlene Streeruwitz und Oscar Bronner am Fest.
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