Die Legende von Clint the Kid

28. Februar 2005, 18:37
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Man wird in den Annalen Hollywoods lange suchen müssen, um einen vergleichbaren Triumph zu finden

Zum zweiten Mal nach "Unforgiven" (1992) krönte Clint Eastwood seine beispiellose Laufbahn mit vier Oscars für das Boxer-Melodram "Million Dollar Baby".


Was für ein denkwürdiges "Duell"! Hier ein hochbudgetiertes und wortwörtlich hochfliegendes Epos über Sinn und Unsinn des amerikanischen Traums, ehrgeizig betrieben von einem jungen Superstar, der darin mit dem "besten Regisseur" unbedingt Filmgeschichte schreiben wollte (und maximal solide Hochglanzware lieferte) – The Aviator mit und rund um Leonardo DiCaprio als Howard Hughes, inszeniert von Martin Scorsese. Eine weitere "Chance" für die Oscar-Juroren, doch endlich Scorsese zu vergolden, wenn auch ein bisschen zu spät.

Und dort: ein "kleiner" Boxerfilm, in wenig mehr als 30 Tagen abgedreht von einem disziplinierten, präzisen Studiohandwerker, der neben der Hauptrolle einmal mehr auch Produktion, Regie und Filmmusik verantwortet. Clint Eastwoods Million Dollar Baby (ab April auch in Österreich) wurde von US-Kritikern sehr bald als eine der besten unter den bis dato 24 Regiearbeiten gefeiert. Als konsequent (im besten Sinne) schlichtes Melodram rund um eine junge Sportlerin (Hillary Swank), die das Leben zweier alter Männer (Eastwood und Morgan Freeman) verändert – mit einem überraschenden, ergreifenden Ende.

Wenn man Oscar-Preisträger traditionell mit einem gewissen Hang zur Opulenz assoziert, dann war es am Ende der (insgesamt eher drögen) 77. Academy Awards Gala doch sehr überraschend, dass Eastwood nicht nur für die beste Regie, sondern auch für den besten Film prämiert wurde – zum zweiten Mal nach Unforgiven. Und nachdem er schon im Vorjahr in Mystic River mit Sean Penn und Tim Robbins zwei "beste" Darsteller inszeniert hatte, erwies er sich auch heuer als grandioser Spielführer: Hilary Swank wurde beste Hauptdarstellerin, Morgan Freeman bester Nebendarsteller.

Mutter und Sohn

Oscar-Präsentator Chris Rock, der im Übrigen eher schaumgebremst agierte, schien Vorahnungen gehabt zu haben, als er sagte: "Es gibt kaum noch wirkliche Stars. Die meisten sind bestenfalls ,populäre Personen‘. Aber Mr. Eastwood – er ist wirklich ein Star!" Der Meister nahm es mit der obligaten Coolness wie ein echter Gentleman zur Kenntnis. Hinter ihm saß übrigens seine mittlerweile bald 97-jährige Mutter, die offenkundig eine große Freude hat, dass aus ihrem Sohn (Ende Mai wird er 75) etwas geworden ist. Im Vergleich zu ihr und zu Sidney Lumet, der heuer für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, sei er "just a kid", so Eastwood heiter – und jetzt heißt's für den "Jungen" wohl: Weiterarbeiten!

Wie Martin Scorsese die erneute Niederlage hinnahm, kann man nur ahnen: Die TV- Kameras zeigten ihn nur, wenn er sich über jeden einzelnen der insgesamt fünf Oscars für Aviator freute: Vor allem wohl über den für seine langjährige Cutterin Thelma Schoonmaker. Cate Blanchett wurde als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Punkten konnte das Epos auch in den Kategorien Ausstattung, Kamera und Kostüme. Leonardo Di Caprio musste sich im Rennen der besten Hauptdarsteller Jamie Foxx (in Ray) geschlagen geben. Letzterer bedankte sich wiederum bei seiner verstorbenen Großmutter, mit der er sich heute noch in Träumen unterhalte. Irgendwie war die Gala also auch ein Fest für alte Damen – und das in den vitalsten Momenten.

Länge trotz Kürzung

Denn insgesamt wird überdeutlich: Die ganze Zeremonie der Academy Awards hat mittlerweile ein großes Prob^lem. Zwar kürzte man heuer um eine gute halbe Stunde ab, was in gewissen Kategorien dazu führte, dass man die Nominierten gar nicht mehr auf die Bühne bat. Aber wer will heute noch in aller öden Breite so genannte "beste Filmsongs" vorgeführt bekommen, wenn dazu etwa Andrew Lloyd Webber in die Tasten greift, als würde er sich um einen Job bei Madame Tussaud's bewerben? Und warum wählt man einen "bad boy" wie Chris Rock zum Präsentator, wenn der dann bestenfalls halbgare Huldigungen an Michael ^Moore zum Besten geben darf?

Auf ProSieben, dem einzigen deutschen TV-Sender, fuhr man dementsprechend Sparprogramm und verzichtete auf eigene Moderationen. Interessanterweise dominierten in den schütter belegten Werbepausen Clips für Hör- und Sehbehelfe. Offenkundig erstreckt sich das Oscar-Zielpublikum hier zu Lande vor allem im Segment "Senile Bettflucht". Aber selbst die diesbezüglich Aktiven dürften Programmstrecken wie "Kino gestern und heute, alles ist gleich, aber anders" wie Valium empfunden haben.

Aber wie tanzte uns Clint Eastwood das als Ausnahmeerscheinung vor: Unterschätzt die Alten nicht! Er deutete nachher bei einem Fotoshooting für die Medien an, dass er nicht daran denke, im hohen Alter Risiken zu vermeiden. "Über 70 zu sein hat etwas Gutes. Was können sie dir da noch anhaben? Gar nichts." Die Oscar-Produzenten sollten sich ein Beispiel nehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.03.2005)

Von Claus Philipp
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    "Seht euch diesen Mann an, unfassbar!" – schien Dustin Hoffman (re.) sagen zu wollen, nachdem er gemeinsam mit Barbra Streisand dem "besten Regisseur" Clint Eastwood auch den Oscar für den "besten Film" überreicht hatte ...

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