Die Jungbrunnenvergifter

28. Februar 2005, 20:33
posten

Regisseur Georg Schmiedleitner inszeniert Wolfgang Bauers Pop-Art-Scharteke "Change" im Wiener Volkstheater

Dem Regisseur gelingt eine diffizile Beweisführung Aufsehen erregend neu: Die Jugendkultur frisst auch heute ihre Schmuddelkinder.


Wien – Pop-Art-Prinzen wie den bedeutungsgedunsenen, seine Speckwülste in Glitzerseide zwängenden Provinzkunstmaler "Blasi" (Erwin Steinhauer), der in dem nicht mehr für wahr gehaltenen Stück Change des großen Grazer Pop-Literaten Wolfgang Bauer sein Unwesen als Kunstbetriebsgeschöpf und als gemütvoll widerlicher Zerstörer in einer wunderbar sachverständigen, trockenen Aufführung des Wiener Volkstheaters treibt, muss man nicht neu erfinden.

Man darf von dem "Blasi" nicht einmal sagen, dass er blasiert sei. Er tut ja nur, was ihm ein hysterisch zuckender Manipulator (Toni Böhm) vor einer Bühne aus lauter hingemalten Anzugsnadelstreifen (Florian Parbs) vormacht. Derjenige, der aus einem "Geschöpf" einen Golem machen will, ist aber das Opfer. Böhms "Fery" ist ein deutlich gealterter Vitalitätsfrosch im Kunstbetriebsteich, dem die Liebesentzugsmaßnahmen eines wunderbar alterslosen Groupie-Girls (Anna-Franziska Srna) die eigentliche Lebensgrundlage entziehen.

Der seiner eigenen "Manipuläschn" – nämlich aus einem Provinzidioten eine Kunstbetriebsaktie mit Rendite zu machen – wie ein gestandener Ritter aus der Gascogne angstverschwitzt beiwohnt. Der daherredet, als erfände er Kunstbetriebsreizwörter wie "Gerry Mulligan" und "Miles Davis" komplett neu. Böhm als augenzuckendes, schmähführendes Szenebetriebskind, das sich einen Golem aus der Gosse des seine Vitalitätspfunde wuchtenden Steinhauer knetet: Es ist einer der wirklich unvermeidlich schönen, herzerweichenden, lauteren Bühnenzweikämpfe dieser Saison.

Wellen eines Sturms

Regisseur Georg Schmiedleitner (keiner, der die Moderne neu erfindet, geschweige sie zum Produkt seiner eigenen Deutungshoheit erhebt) drückt Bauers Verschiebungen und Jargon-Verhebungen zu Wellen eines Sturms zusammen. Er peitscht den Jargon-Mist von 1969 ("Mein Körper grüßt deinen Körper!") hoch zu Erregungen im Seelenhaushalt der post-postmodernen Boheme. Er wühlt im Wiener Sumpfloch herum, im Bäckerstraßenmilieu, dort, wo die Exponate der hiesigen Moderne bis vor zehn, zwanzig Jahren mit Zahnputzgläsern voller Zwetschkenbrand aufgewogen wurden.

Daneben erzählt Bauer noch eine andere Geschichte – eine, die im Volkstheater blüht wie ein Hollunderbusch auf einer Mistablage: das Mitleiden jener, die zu alt waren, die authentische Pop-Kultur damals zu erleben. Guggi (Srna), die mit Fery (Böhm) verbandelt ist und zum Wechsel zu Blasi (Steinhauer) förmlich gezwungen wird, zitiert die gliederzuckenden Beischlafanbahnungen eines "bürgerlichen" Mädchens als Stationen auf einem Kreuzweg.

Die beiden Künstler, der vermeintliche Manipulator und sein Mündel, treten das Kind in ihrem Bauch irgendwann tot – verheeren ihre wunderbar zeitlose Mutter (Johanna Mertinz) und exekutieren ihren Zweikampf auf Kosten eines schwulen Impresarios (Heinz Petters als Antoine), dessen gemütvolle Zuckungen, sozusagen aus dem Betrübungsplüsch der Homosexuellenhatz heraus, zu Tränen rühren. Darin sind ein Moshammer aufgehoben, ein Adlmüller – und alle Liebessehnsucht dieser Welt.

Bauer erzählt aber auch ein Wohnküchendrama: ein Obsiegen der mit Veltliner gestählten Provinz über die Ranküne eines multinationalen "Betriebs", der Moden erfindet und das heimische Gewächshaus verheert.

Nicht im Detail zeigt sich Schmiedleitner sattelfest (Tindersticks zu spielen, wo Bauer die Doors fordert, ist schon eine Provokation!): sondern im Erhaschen jener Zeitduftmarken, die vom Vergehen der Avantgarde-Hoffnungen handeln. Und von der Warenförmigkeit eines Kunstindustriebetriebs, der auch noch Blasis auftrumpfendes Großkünstlergehabe wie selbstverständlich in seinen Legendenschatz integriert. Ein großer Volkstheater-Abend. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.03.2005)

Von
Ronald Pohl
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der "Blasi" (Erwin Steinhauer) zeigt der Mutter (Johanna Mertinz) seiner Geliebten, wo der Provinzheini das Glück sucht: eine Wohnküchendramenszene.

Share if you care.