"Cocooning": Der Rückzug ins sichere Privatuniversum

4. März 2005, 19:55
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Bereits acht Prozent der Erwachsenen betroffen - krankhafte Sozialangst hat Wurzeln in der Kindheit

Rom - Die Zahl der Menschen, die unter der so genannten "Sozialangst" leidet, steigt zunehmend. Bereits acht Prozent der Erwachsenen, insbesondere Frauen, sind davon betroffen. Auch bei Kindern ist diese psychische Störung beobachtbar, geben führende italienische Psychologen am derzeit stattfinden Psychopathologiekongress der Società Italiana di Psicopatologia bekannt. Die Experten sehen diese Entwicklung als Antwort auf die Auswirkungen der derzeit herrschenden "Speed-Gesellschaft".

Menschen, die unter Sozialangst leiden, haben schwere Störungen im sozialen Umgang mit anderen Menschen. Anzeichen dafür sind die Angst sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, mit unbekannten Menschen zu sprechen oder dem Gesprächspartner in die Augen zu sehen. Der Rückzug aus der Öffentlichkeit geht einher mit der Schaffung einer eigenen, abgeschotteten Welt, was von Experten auch als "Cocooning" bezeichnet wird.

Mögliche Ursachen der Sozialangst

Die Gründe für diese neue soziale Entwicklung sehen die Experten in den derzeit herrschenden diffusen Sozialstrukturen, der fortschreitenden persönlichen Unzufriedenheit und einer weniger ausgeprägten Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten und Situationen. Die ständig sinkende Fähigkeit der Menschen emotional schmerzhafte Situationen zu ertragen und zu bewältigen und die geringere Frustrationsschwelle seien weitere Faktoren, so die Experten.

Krankhafte Sozialangst habe ihre Wurzeln schon in der Kindheit. Kinder, die systematisch die sozialen Kontakte zu anderen Kindern meiden, sich zurückziehen und auch in der Schule schüchtern sind, können im Laufe der Jahre dieses Verhalten soweit verschlimmern, dass daraus schwere Depressionen und psychische Störungen entstehen können. Der Kern des Problems ist sei der Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu suchen.

"Die traditionelle Familie existiert nicht mehr, denn neue familiäre Strukturen haben sich entwickelt. Heute wechseln familiäre Bezugssysteme mit großer Geschwindigkeit durchschnittlich alle vier bis fünf Jahre. Im Gegensatz dazu dauerten sie noch in den 70igern durchschnittlich 25 Jahre. Die fehlende Stabilität macht den Kindern Angst und ist eine praktisch vorexerzierte Bindungsproblematik ", glaubt Stefano Pallanti. (pte)

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    foto: photodisc
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