Ungewöhnlich harmlos: Chris Rock war brav

28. Februar 2005, 07:24
8 Postings

Zeitverzögerte Übertragung, weil "Amerikas provozierendster Komiker" sich für gewöhnlich nicht den Mund verbieten lässt - Bush-Kritik nicht ausgelassen

Wien - Chris Rock, der 40-jährige Stand-Up-Komödiant kommt mit seinem bissigen Spott offensichtlich gut an. Der freche Komiker mit seiner nervig kratzenden Stimme präsentierte in Smoking und weißer Krawatte die 77. Oscar-Gala und wurde beim Betreten der Bühne des Kodak Theatre in Los Angeles vom Publikum mit Standing Ovations empfangen. Gezittert musste aber nur zu Beginn der Gala werden, zeigte sich doch "Amerikas provozierendster Komiker" ("Entertainment Weekly") meist ungewöhnlich harmlos und zurückhaltend. Die Übertragung der Oscar-Show mit Verzögerung für die Eingriffe der Zensoren wäre also nicht nötig gewesen.

Rock-Umfrage: "White Chicks" ist der beste Film aller Zeiten

Zu Beginn seiner Moderation machte der New Yorker Witzbold seinem Namen noch alle Ehre. Er wollte der Behauptung, "Hollywood hätte mit dem Rest des Landes nichts zu tun", nachgehen. Vor der Verleihung ging er ins "Magic Johnson Theatre", einem Einkaufszentrum in Harlem (New York), und befragte dort die Besucher nach ihren Filmfavoriten. Ein klares Ergebnis: "White Chicks" ist der beste Film aller Zeiten. Die bei den "Academy Awards" nominierten Streifen kannten die Befragten hingegen nicht.

Lediglich vier Stars seien bei der diesjährigen Oscar-Gala anwesend, betonte Rock gleich zu Beginn - und veranschaulichte durch den Vergleich von Jude Law (Nicht-Star) und Tom Cruise (Star), was er damit meinte. Bei richtig guten Filmen wolle niemand mitmachen, so der bissige Präsentator, der zwei Beispiele nannte: "Fahrenheit 9/ 11" von Michael Moore und "Die Passion Christi" von Mel Gibson.

Bush-Kritik nicht ausgelassen

In voller Länge hörte dann ein Millionenpublikum heftige Kritik an US-Präsident George W. Bush, am von ihm zu verantwortenden Rekord-Defizit und am von ihm begonnenen Irak-Krieg. Zur Überleitung vom Film zur Politik lobte Rock "Fahrenheit 9/11" - und auf ironische Weise auch Bush: Obwohl der Film allen gezeigt habe, wie schlecht dieser seinen Job mache, habe dieser doch die Wahlen gewonnen. Bush habe den Präsidenten-Job übernommen mit einem Budget-Überschuss und dann Dinge gemacht, "die ihr in eurem Job nie machen könntet".

"Stellt euch vor, ihr würdet bei GAP arbeiten. Ihr habt 70 Billionen Dollar Fehlbetrag in der Kasse, und dann beginnt ihr einen Krieg gegen Banana Republic, weil ihr sagt, sie hätten dort giftige Tank Tops (ärmellose Hemden). Dann übernehmt ihr schließlich Banana Republic und findet heraus, dass sie dort überhaupt keine Tank Tops produzieren!" Bei dem Krieg hätten tausend GAP-Mitarbeiter ihr Leben gelassen.

Das Oscar-Publikum reagierte auf die Satire nicht mit ungeteiltem Beifall. Der wurde Chris Rock dann gespendet, als er zum Schluss seines Monologs noch schnell die amerikanischen Soldaten, die auf der ganzen Welt kämpfen, grüßte. Der Satz klang aus seinem Mund jedoch mehr wie eine Pflichtübung.

Zurückhaltend beim Einsatz provokanter Wörter, die mit "s" oder "f" beginnen

Damit war der Job des populären Komikers auch schon getan. Was noch folgte, waren wenige unspektakuläre Anmoderationen. Von beißendem Spott keine Spur. Die Gala um den weltweit populärsten Filmpreis scheint dem Witzbold Respekt eingeflößt zu haben. Wo er ansonsten gerne provokante Wörter einsetzt, die mit "s" oder "f" beginnen, hielt er sich in der Oscar-Nacht zurück. Vielleicht saß ihm dabei doch die mögliche Strafe für sprachliche Entgleisungen im Live-Fernsehen im Nacken, die die republikanische Mehrheit im US-Repräsentantenhaus vorige Woche auf 500.000 Dollar (379.795 Euro) erhöht hatte.

Quotenbringer

Rock war wegen der niedrigen Einschaltquoten der Oscar-Übertragungen in den vergangenen Jahren geholt worden. Er sollte vor allem jüngere Zuschauer vor den Fernseher locken - obwohl der schwarze Komödiant Preisverleihungen für "fucking idiotic" hält. Er selbst hat sich die Oscar-Verleihung erst ein Mal angeschaut, nämlich in dem Jahr, als Halle Berry und Denzel Washington nominiert waren. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.