Spooners Offenbarung

28. Februar 2005, 20:07
posten

Wenn der ältere Herr nicht ganz so laut referiert hätte, hätte ich die Wahrheit nie erfahren...

Es war gestern. Frühabends. Und wenn der ältere Herr nicht ganz so laut referiert hätte, wäre der Kopfhörer wohl auf meinen Ohren geblieben ­– und ich hätte die Wahrheit nie erfahren. Außerdem hätte ich nicht mitbekommen, dass Arthur Spooner nicht nur in meiner drittliebsten Frühabend-TV-Serie existiert, sondern in Wien unterwegs ist.

Spooner verriet mir – und einem halben U-Bahn-Wagon - nämlich, dass die U2 noch ein Jahr lang nicht fahren werde. Mindestens. Man wisse doch, wie die ­– (Spooner sagte nicht wer) - arbeiten. Und er persönlich habe sich schon lange von dem Traum verabschiedet, noch zu Lebzeiten wieder einen Fuß in die U2 zu setzen: Das mit der Verlängerung sei sowieso ein ausgemachter Schwindel – das sähe doch jeder, der halbwegs bei klarem Verstand sei.

Touristen

Spooner war – so hatte es jedenfalls unter meinen Kopfhören zunächst gewirkt – ganz harmlos mit seiner Frau im Wagon gestanden: Ein älteres Paar. Gepflegt. Nicht gebrechlich. Aber knapp bevor der Zug in die Station Volkstheater eingefahren war, hatte sich Spooner an ein Touristenpaar gewandt: Sie sollten dem, was der Fahrer gerade durchgesagt hatte (allem Anschein nach war es jener Satz, mit dem der U2-Stillstand erklärt wird), keinen Glauben schenken, hatte Spooner gesagt. Eher gebrüllt. Weil die – (die Wiener Linien?) – uns für blöd verkaufen würden.

Die Touristen hatten verdutzt geschaut. Darauf offenbarte Spooner seine Verschwörungs- und Inkompetenztheorie. Spooners Frau legte Spooner beruhigend die Hand auf den Arm. Er schüttelte sie ab: Es sei doch so – und die Wahrheit müsse auch einmal gesagt werden.

Der Zug fuhr in die Station Volkstheater ein. Die Touristen flüchteten.

Spooner wollte ihnen nach – seine Frau hielt ihn zurück. Spooner war außer sich: Es sei ein Skandal, wie Menschen für dumm verkaufen würden. Aber damit kämen sie nicht durch. Nicht mit ihm. Spooners Frau seufzte – und gab Spooner einen Kuss auf die Backe. Da wurde er ruhig – und lächelte sogar.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • 
Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.