Ehemaliger US-Botschafter in Österreich Henry A. Grunwald gestorben

28. Februar 2005, 19:53
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Wurde 1938 aus Wien vertrieben - Als "Time"-Chefredakteur schrieb er Mediengeschichte - War in der Waldheim-Ära in Wien

Der ehemalige US-Botschafter in Österreich (1988 bis 1990) und einflussreiche frühere Chefredakteur des US-Nachrichtenmagazins Time, Henry A. Grunwald, ist am Samstag in seiner Wohnung in Manhattan im Alter von 82 Jahren einem Herzleiden erlegen.

Der 1922 in Wien geborene Grunwald wird in einem Nachruf von Newsweek als "Mann mit Substanz" bezeichnet. Grunwalds enger Freund Henry Kissinger, dessen politische Meinungen er nicht immer teilte, bezeichnete ihn als "Mann von absoluter journalistischer Integrität".

Heinz Anatole Grünwald flüchtete gemeinsam mit seiner Familie 1938 aus Wien und gelangte über Frankreich und Marokko in die USA. Sein Vater, der Operettenlibrettist Alfred Grünwald, nahm sich 1951 in Amerika das Leben.

Grunwald verlor zwar nie seinen Wiener Akzent, seine nahezu perfekte Kenntnis des Englischen ermöglichte ihm jedoch bald nach seinem Arbeitsbeginn bei Time im Jahr 1944 eine steile Karriere. 1968 wurde er zum Leitenden Redakteur ernannt, 1979 trat er die Nachfolge des legendären Henry Luce als Chefredakteur des mächtigen Time-Imperiums an.

Grunwald brachte nicht nur frischen Wind in die konservative Redaktion von Time, sondern machte auch Pressegeschichte, als er 1973 in einem Editorial den Rücktritt von Präsident Richard Nixon forderte.

Von Präsident Ronald Reagan wurde Grunwald als Botschafter nach Wien entsandt, nachdem der 1986 gewählte Bundespräsident Kurt Waldheim wegen seiner umstrittenen Kriegsvergangenheit von den USA auf die "Watchlist" (Einreiseverbot) gesetzt worden war. Grunwald selbst hielt die Entscheidung wegen der amerikanischen Gesetze für "unvermeidlich".

Vor der Übergabe seines Beglaubigungsschreibens an Waldheim hatte ihm seine Tochter Mandy, heute politische Konsulentin in Washington, eingeschärft: "Nicht lächeln." Dies, schrieb Grunwald, sei ihm angesichts des "ständigen Grinsens" seiner Umgebung schwer gefallen.

1992 begann Grunwald zu erblinden, was ihn dazu bewegte, eine zweite Autobiografie, "Twilight" (Dämmerung), zu schreiben.

Grunwalds erste Frau, Beverly Suser, starb 1981. 1987 heiratete er Louise Melhado, die wesentlich dazu beitrug, dass Grunwalds Appartement in Manhattan zu einem Treffpunkt prominenter Persönlichkeiten, von Norman Mailer bis Henry Kissinger, wurde.

Grunwald war Vorstandsmitglied der American-Austrian Federation und der American Friends of the Salzburg Festival. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2005)

Von Susi Schneider aus New York
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    Henry A. Grunwald bei der Verleihung des österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst im April 2002 in New York.

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