Ein Sprungbrett ins Nichts

20. Mai 2005, 00:07
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"Global Kryner" fahren zum Songcontest

Wien - Verena von Mystic Alpin hatte in Aussicht gestellt, mit dem Rauchen aufzuhören, wenn sie mit ihrer multikulturellen Combo aus dem Ausseerland zum Songcontest in die Ukraine fahren dürfe. Zu der gehören neben Verena unter anderem ein gnadenlos rappender Lederhosensepp und ein echter Neger aus Brasilien! Der tut sogar Ski fahren. Und er kann lustig "Blunzeng'röstl" sagen. Ha ha! Ausländer können sich nämlich schon auch sehr gut assimilieren. Sie müssen nur wollen.

Ob es allerdings wirklich eine Herzenssache des Brasilianers ist, Hubert von Goisern Richtung "Hias das Urviech" zu deklinieren und dort im Land, wo die Pascher wohnen, mit friedensbewegtem Schlagerkitsch ("One World") zu brechen? Man weiß es nicht. Jedenfalls haben wir für Mystic Alpin zu wenig Stimmen abgegeben. Platz drei. Wieder eine Chance verpasst, zumindest etwas Gutes an diesem Abend zu bewirken.

Man merkt es schon: Die heurige österreichische Vorausscheidung zum Eurovisions-Songcontest namens "song.null.fünf" im ORF setzte musikalisch auf ein Konzept, das in diesem Land eine breite Mehrheit abseits der Bühne gar nicht haben will, auf ein Miteinander der Kulturen. Angesichts des heurigen "Gedankenjahrs" eine durchaus perfide Taktik, einmal mehr den Schein über das Sein zu stellen.

Der arbeiteten auch die anderen Kombattanten des Abends entgegen. Die australische Wahlwienerin Jade Davis, der einzigen und deshalb chancenlosen Sängerin des Abends im Fach Anastacia für Kitzbühler Tennen-Discos, war es vorbehalten, ehrenvolle Letzte von fünf Teilnehmern zu werden. Der international bis ins ferne Deutschland agierende Vorarlberger Edelpopper Marque, der beim Publikum wegen seiner kompositorischen Beschäftigung mit "barocken Kadenzen" im Lalelu-Bereich schnell unten durch war, wurde vierter.

Und Alf Poier mit "Good Old Europe Is Dying", seiner ironisch erbrochenen Eloge auf das christliche Abendland, wurde Zweiter. Sieger nach absoluten Stimmen, Zweiter nach einem nicht näher erläuterten Punktesystem.

Den Wurstkranz trug schließlich der wahr gewordene Albtraum humoristischer Musik davon. Global Kryner, die gern nach Kuba der schönen Landschaft wegen fahren, verbinden im Song "Y así" ("Und so") die Betrachtungen einer Kubanerin, die getarnt mit einem Dirndl in den Farben des Star Spangled Banner Feldforschung auf heimischen Tanzböden betreibt, mit der schrecklichsten Musik des Planeten.

Der blecherne und seelenlose Oberkrainer-Sound aus den Regionalradios tanzt Salsa und nimmt auch noch Rücksicht auf die neuesten Errungenschaften des Tiroler Absturzhütten-Techno-Stars DJ Ötzi, wenn dieser Jazz fehlerfrei bis zum zweiten Buchstaben auf die Plattenteller wimsen könnte.

Heraus kommt eine radikal-hysterische Mixtur, die beim nächsten Pauschalurlaub in der Dominikanischen Republik durchaus aus jenen Lokalen poltern könnte, in der die kontaktfreudigen Schönheiten des Landes gegen kleine Zuwendungen gern fremde Kulturen kennen lernen. Der Bauer in der großen weiten Welt.

Ein zynisches Hybrid aus provinzieller Weltgewandtheit und globalisierungskritischem Mir-san-mir fährt zu einem Wettbewerb, bei dem diese so nicht existente Musik auf andere Lieder trifft, die es gar nicht geben dürfte. Eines ist der Eurovision-Songcontest nämlich immer schon gewesen: ein Sprungbrett ins Nichts. Freiwillig hört das niemand. So schlimm? So schlimm. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 2. 2005)

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