Ein Hauch von Hunnensturm

27. Februar 2005, 20:14
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Die Bauernproteste in Ungarn könnten zur Vorentscheidung der Wahl 2006 werden - Von Josef Kirchengast

Viele Ungarn schmunzeln derzeit über Bestrebungen einer Hand voll von Landsleuten, als Nachfahren der Hunnen den Status einer ethnischen Minderheit zu erhalten. Die Hunnen unter König Attila herrschten von 433 an zwei Jahrzehnte im Karpatenbecken; die Awaren, ebenfalls ein innerasiatischer Stamm, ab 568 immerhin mehr als zwei Jahrhunderte. Sie wurden 796 durch Karl den Großen, den "Stammvater" Europas, unterworfen. Hundert Jahre später übernahmen die Magyaren unter Fürst Árpád das Kommando und suchten dann halb Europa mit ihren Raubzügen heim.

Wen immer man nun für die legitimsten Vorfahren der heutigen Ungarn hält: Ihrem Wesen eignet ein rebellischer Zug, der von grundsätzlicher Skepsis gegenüber den Regierenden getragen wird und sie im Extremfall zum kompromisslosen Widerstand treibt. Jüngere Beispiele sind die Revolution von 1848 gegen die Habsburger und der Volksaufstand von 1956 gegen die Kommunisten.

1990 brachte eine Blockadeaktion der Taxifahrer gegen massive Benzinpreiserhöhungen die erste bürgerliche Regierung nach dem Ende des Kommunismus in schwere Bedrängnis. Und jetzt sind es die unzufriedenen Bauern, die das sozial-liberale Kabinett des jungen Premiers Ferenc Gyurcsány in die Enge treiben.

Die Regierung sieht hinter den Protesten eine sorgfältig geplante "rechtsextremistische politische Aktion". Gemeint ist damit die Beteiligung von Mitgliedern der rechtsextremen Wahrheits- und Lebenspartei (MIEP) an den Versammlungen der Bauern im ganzen Land. MIEP-Chef István Csurka, Schriftsteller, notorischer Antisemit und vehementer EU-Gegner, zog den Parteikongress am Samstag schnell durch, damit die Delegierten an der Bauerndemonstration vor dem Parlament teilnehmen konnten.

Dass Csurka aus dem Unmut der Bauern politisches Kapital schlagen möchte, ist offenkundig. Seine Partei kam bei den letzten Wahlen nicht mehr ins Parlament. Jetzt sieht er eine unerwartete Chance, es im kommenden Jahr wieder zu schaffen.

Das bisherige Verhalten der Regierung macht es ihm leicht, den Rächer der Enterbten zu spielen. Denn die Proteste nur mit Manipulation und politischer Instrumentalisierung der Bauern zu erklären und damit abzuqualifizieren ist allzu billig und wirkt außerdem arrogant. Beim Zugang zu den versprochenen EU-Fördergeldern fühlen sich viele Bauern von der Regierung schlicht im Stich gelassen. Wenn 55.000 Landwirte, immerhin 27 Prozent aller ungarischen Bauern, die entsprechenden Formulare falsch ausgefüllt haben, kann die Unterstützung durch die zuständigen nationalen Behörden nicht optimal sein. Dazu kommt, dass das unvermeidliche Bauernsterben erst am Anfang steht.

Die Regierung hätte also jeden Grund, kooperativ statt überheblich sein - damit sie nicht selbst fördert, was sie nicht nur den Rechtsextremen, sondern auch dem national-konservativen Oppositionsführer und Expremier Viktor Orbán vorwirft: den Konflikt parteipolitisch auszuschlachten.

Orbán, der sich in jüngster Zeit betont staatsmännisch gibt, kann in Wahrheit kein Interesse daran haben, als Aufwiegler dazustehen. Offenbar hat er die Lektionen aus der letzten Wahl gelernt: Wer polarisiert, ist nicht mehrheitsfähig, und Arroganz der Machthaber wird von den Wählern bestraft.

Aus ebendiesen Gründen haben die schwer angeschlagenen Sozialisten vor wenigen Monaten den ideologisch unbefangenen Unternehmer Gyurcsány an die Spitze der Regierung geholt. Gyurcsány ist bisher vor allem durch saloppe Sprüche aufgefallen. Der Konflikt mit den Bauern ist seine erste echte politische Herausforderung. Weigert er sich, das Thema zur Chefsache zu erklären, dann gibt er Orbán die Chance, als Vermittler und Versöhner aufzutreten. Das Wahlduell 2006 zwischen dem dynamischen Macher und dem erfahrenen Politprofi wäre damit vorweggenommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.02.2005)

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